
The Write Way Folge 24: Achtung, Unwort!
Hallo und herzlich willkommen zur vierundzwanzigsten Folge unseres Podcasts.
Der Titel heute lautet: Achtung Unwort.
Lisa:
Oh, das klingt spannend. Worum geht es denn?
Moni:
Wir improvisieren heute ein bisschen. Ich weiß, worum es geht, weil ich die Folge vorbereitet habe. Es geht um Wörter und Redewendungen, die wir oft ganz selbstverständlich verwenden, die aber aus unterschiedlichen Gründen problematisch sind. Oder schlicht nicht mehr angebracht.
Lisa:
Welche Gründe können das sein?
Moni:
Ganz unterschiedliche. Historische Gründe zum Beispiel, Stichwort Nationalsozialismus. Aber auch sexistische, rassistische, ableistische Gründe oder stereotype Zuschreibungen.
Lisa:
Was bedeutet eigentlich ableistisch?
Moni:
Ableistische Sprache wertet Menschen mit Behinderungen ab oder grenzt sie aus. Oft passiert das unbewusst.
Lisa:
Jetzt kommen sicher wieder Stimmen, die sagen: Man darf ja gar nichts mehr sagen, früher war alles besser, schöne deutsche Sprache und so weiter.
Moni:
Die kommen ganz sicher. Und das ist auch okay. Aus meiner Sicht darf jede Person sprechen und schreiben, wie sie möchte. Man darf sich nur nicht wundern, wenn es darauf Reaktionen gibt. Meinungsfreiheit heißt nicht, dass niemand widersprechen darf.
Sprache verändert sich. Das ist belegt. Sie hat sich immer verändert und wird das auch weiterhin tun. Uns geht es nicht darum, Sprachpolizei zu spielen, sondern Bewusstsein zu schaffen. Oft wissen wir einfach nicht, welche Geschichte oder Konnotation hinter einem Wort steckt. Und da nehme ich mich selbst ausdrücklich nicht aus.
Ich habe zum Beispiel mit Mitte dreißig eine Edition mit dem Namen „Schreibtischtäterinnen“ gegründet. In meiner jugendlichen Ignoranz dachte ich, das sei ein witziger Name für Krimiautorinnen, die ihre Schandtaten vom Schreibtisch aus begehen. Klingt logisch.
Leider hat der Begriff einen historischen Kontext, den ich damals nicht kannte. Schreibtischtäter sind Personen, die Verbrechen planen, die von anderen ausgeführt werden. Und der Begriff wurde in den sechziger Jahren im Zusammenhang mit der Verfolgung von NS-Verbrechern geprägt.
Rückblickend kann ich nur sagen: Zum Glück war der Edition kein Erfolg beschieden. Die Zeit war wohl noch nicht reif.
Lisa:
Das ist ein sehr gutes Beispiel. Mir ging es mit manchen Redewendungen ähnlich. Ich habe sie jahrelang verwendet, ohne mir Gedanken zu machen, und erst später verstanden, dass sie stark mit der NS-Zeit verbunden sind.
Ein Beispiel ist „durch den Rost fallen“. Der Ausdruck ist älter und stammt ursprünglich aus anderen Zusammenhängen, etwa der Kohleknappheit. Aber er wurde im Nationalsozialismus ebenfalls verwendet, unter anderem im Zusammenhang mit der Verbrennung jüdischer Menschen.
Seit ich das weiß, kann ich diese Redewendung nicht mehr benutzen.
Moni:
Mir geht es genauso. Sobald man dieses Bild einmal im Kopf hat, ist es vorbei.
Ein weiteres Beispiel ist „bis zur Vergasung“. Das habe ich früher völlig gedankenlos verwendet, im Sinne von „bis ich nicht mehr kann“. Heute sage ich das nicht mehr.
Oder „Arbeit macht frei“. Dieser Spruch stand über den Eingangstoren von Konzentrationslagern, etwa in Auschwitz. Ich tue mir inzwischen sogar schwer mit Formulierungen wie „Schreiben macht frei“, weil die Assoziation sofort da ist.
Gleiches gilt für „jedem das Seine“. Auch das stand über dem Eingang des KZ Buchenwald. Der Ursprung des Satzes ist älter, aber das hilft nichts. Die Bedeutung ist für mich dauerhaft kontaminiert.
Lisa:
Das ist wie bei der Swastika. Ursprünglich ein harmloses Symbol, heute nicht mehr verwendbar.
Die Nationalsozialisten haben vieles übernommen und dadurch dauerhaft vergiftet. Auch Sprache.
Moni:
Für mich ist entscheidend: Es tut mir nicht weh, diese Redewendungen nicht mehr zu verwenden. Aber es könnte anderen wehtun, wenn ich es doch tue. Und das reicht mir als Grund.
Das gilt auch für Begriffe im Zusammenhang mit indigenen Völkern. Man sagt heute indigene Völker statt Eingeborene. Inuit statt Eskimo. Native Americans oder First Nations statt Indianer.
Andere Begriffe sind schlicht beleidigend oder abwertend und sollten nicht verwendet werden, auch wenn sie früher gang und gäbe waren.
Lisa:
Ich hatte einmal einen Ausbilder, der solche Begriffe völlig unreflektiert verwendet hat. Nicht aus böser Absicht, sondern aus Ignoranz. Aber das macht es nicht besser.
Moni:
Genau. Die Aussage „Ich meine es ja nicht böse“ ist nicht relevant. Entscheidend ist, wie es ankommt. Wenn es Menschen verletzt, dann liegt es an mir, mein Vokabular zu überdenken.
Ableistische Begriffe sind ein weiteres Feld. „Taubstumm“ zum Beispiel. Gehörlose Menschen sind nicht stumm. Sie haben Sprache. Entweder gesprochene Sprache oder Gebärdensprache. Deshalb sagt man heute gehörlos.
Lisa:
Es gibt auch Begriffe, bei denen man diskutieren kann, wie problematisch sie wirklich sind. Zum Beispiel „Schwarzfahren“. Die Kritik daran ist, dass Schwarz mit etwas Negativem gleichgesetzt wird.
Das ist ein Punkt, bei dem sich die Meinungen stark unterscheiden. Aber auch hier gilt: Man kann sich informieren und dann bewusst entscheiden.
Moni:
Man kann übrigens auch einfach sagen „fahren ohne gültigen Fahrschein“. Die Berliner Verkehrsbetriebe machen das so. Die Münchner haben den Begriff Schwarzfahren 2021 offiziell gestrichen.
Kritik gibt es trotzdem immer. Egal, wo man steht, irgendjemand wird es falsch finden. Damit muss man leben.
Lisa:
Das ist wie beim Gendern. Mannschaft. Bemannte Mission. Sind das wirklich nur Männer?
In Büchern ist Gendern eine eigene Baustelle, weil es den Lesefluss beeinflusst.
Moni:
Ich löse das je nach Projekt unterschiedlich. Entweder mit einem Hinweis, dass alle mitgemeint sind. Oder ich verwende bewusst die weibliche Form. Oder ich wechsle ab. Lehrer und Mechanikerinnen. Technikerinnen und Friseure. Damit kann man auch Rollenbilder aufbrechen.
Oder ich schreibe konsequent in der weiblichen Form, vor allem bei weiblicher Zielgruppe. Das ist völlig legitim.
Lisa:
Wer sich orientieren möchte, kann übrigens auch einen Blick auf das Unwort des Jahres werfen. Das gibt es seit 1991 in Deutschland.
Dabei werden Begriffe gewählt, die gegen Menschenwürde verstoßen, diskriminieren oder Dinge beschönigen, verschleiern oder legitimieren, die problematisch sind.
Moni:
Euphemistisch heißt beschönigend. Zum Beispiel „Freisetzung von Arbeitskräften“ statt Massenentlassung. Oder das Unwort des Jahres 2023: Remigration. Ein Begriff, der die Abschiebung von Menschen verharmlost.
Lisa:
Oder „Gutmensch“. Ein ursprünglich neutraler Begriff, der heute als abwertender Kampfbegriff verwendet wird.
Moni:
Was wir damit sagen wollen: Wir wollen niemandem den Mund verbieten. Aber wir finden es wichtig, bewusst mit Sprache umzugehen.
Gerade beim Schreiben solltest du dir überlegen: Weiß ich, was ich da sage? Weiß ich, was es auslösen kann? Und wenn ja, will ich das?
Im Krimi, den ich gerade schreibe, ist nicht alles politisch korrekt. Und das ist auch so gewollt. Aber es ist eine bewusste Entscheidung.
Lisa:
Und wenn man auf Nummer sicher gehen möchte, gibt es Sensitivity Reader. Menschen, die Texte auf problematische Stellen prüfen und Feedback geben.
Das kann auch ganz banal sein. Zum Beispiel ein Rezept, das automatisch Milch enthält, ohne Alternativen zu nennen. Für Menschen mit Laktoseintoleranz ist das relevant.
Moni:
Zusammengefasst:
Wir sind nicht die Sprachpolizei.
Aber wir sollten wissen, was wir sagen.
Und entscheiden, wo wir Regeln brechen wollen.
Sensibilisiert zu sein schadet nie.
Lisa:
Und lasst euch bitte vom Schreiben nicht abhalten.
Moni:
Genau. Schreiben. Nachdenken. Weiterschreiben.
Beide:
Tschüss.



