The Write Way Folge 23: Psycholinguistik – warum jedes Wort zählt

Herzlich willkommen zur dreiundzwanzigsten Folge unseres The Write Way Podcasts.
Heute mit einem Thema, das im ersten Moment vielleicht ein bisschen sperrig klingt: Psycholinguistik. Untertitel: Jedes Wort zählt.

Und falls du dich jetzt fragst, was zum Teufel Psycholinguistik eigentlich ist: Genau das klären wir heute. Keine Angst, wir machen das ohne Fachchinesisch.

Ganz vereinfacht gesagt beschäftigt sich Psycholinguistik damit, wie Sprache verstanden wird. Also wie Leser:innen oder Hörer:innen gesprochene oder geschriebene Sprache verarbeiten, um Bedeutung daraus zu machen.

Oder noch einfacher:
Du hast keinen Einfluss darauf, in welcher Stimmung jemand deinen Text liest.
Mit welchem Hintergrundwissen.
Oder wie genau einzelne Sätze interpretiert werden.

Und genau deshalb ist es wichtig, jedes Wort bewusst zu wählen.

Wörter lösen Gefühle aus. Bilder. Erinnerungen. Assoziationen. Und manchmal auch komplette Nebenhandlungen im Kopf, die du überhaupt nicht beabsichtigt hast.

Gary Provost hat einmal gesagt: Lesen ist Magie.
Du schaust auf schwarze Zeichen auf weißem Untergrund und in deinem Kopf entsteht etwas. Bilder, Geräusche, Emotionen.

Aber Achtung:
Sobald man als Autor:in „gesehen wird“, funktioniert die Geschichte nicht mehr.
Wenn Leser:innen merken, was du bezwecken willst, wenn sie deine Absicht spüren, bist du draußen.

Wir wollen nicht beeindrucken.
Nicht belehren.
Nicht manipulieren.

Die Geschichte soll das für uns erledigen.

Unser Gehirn akzeptiert manche Wortkombinationen leichter als andere. Und genau da setzt Psycholinguistik an.

Was können wir also tun, um Leser:innen möglichst gut abzuholen?

Ein ganz wichtiger Punkt: unnötige Wiederholungen vermeiden.
Zum Beispiel Doppelungen wie weißer Schimmel. Ein Schimmel ist per Definition ein weißes Pferd. Das zusätzliche Wort erzeugt Irritation. Und Irritation schmeißt Leser:innen raus.

Oder Formulierungen wie:
und wie beispielsweise
bereits schon
fundamentale Grundlagen
zeitlich befristet
Zukunftsprognose
Rückantwort

Alles doppelt gemoppelt. Alles unnötig.

Ein besonderes persönliches Hasswort: Haarfrisur.
Wenn ich das lese, bin ich sofort raus.

Oder Tsunamiwelle. Tsunami bedeutet bereits Flutwelle. Die Welle ist also überflüssig.

Diese Art von Dopplungen nennt man Pleonasmus. Und ja, man darf ihn verwenden. Aber nur bewusst. Als Stilmittel. Nicht aus Gedankenlosigkeit.

Ein schönes Beispiel ist kohlrabenschwarz.
Dreifach schwarz. Aber genau deshalb wirkungsvoll, wenn man wirklich betonen will, wie unfassbar schwarz etwas ist.

Der Unterschied liegt immer in der Frage:
Habe ich darüber nachgedacht oder nicht?

Ein kleiner Exkurs, der einfach rausmusste:
Es heißt nicht LKWs, EPUs oder KMUs.
Das sind keine Lastkraftwagens oder Einpersonenunternehmers.
So. Musste gesagt werden.

Zurück zu den Bildern im Kopf.

Viele Menschen lesen innerlich laut. Sie hören beim Lesen ihre eigene Stimme. Ich gehöre definitiv dazu. Und genau deshalb fallen mir Wörter auf, die schon in sich Klang tragen.

Plätschern.
Rauschen.
Donnern.

Da ist schon ganz viel drin.

Oder Bilder, die sofort etwas auslösen.
Eine Freundin von uns hat einmal ihre depressive Phase beschrieben. Wir dürfen diesen Text verwenden, und Moni liest ihn jetzt vor.

Moni:
Im September 2018 herrschte in meinem Leben Stillstand. Von einem Moment auf den anderen ging nichts mehr. Ich hing wie eine Marionette an schlaff herabhängenden Fäden, in der Hoffnung, dass mich jemand wieder aufrichtet. Denn ich selbst konnte es nicht mehr.

Der Moment, in dem klar war, dass alles vorbei ist, fühlte sich an wie das Erlöschen der letzten Kerze in einem stockdunklen Raum. Kein Licht mehr. Keine Ahnung, wo man ist. Und noch weniger, wohin man gehen soll.

Lisa:
Ja. Genau das meine ich.

Was ebenfalls extrem wichtig ist: einfache und verständliche Sprache.
Ich sage in unseren Workshops immer: Unser Gehirn ist faul. Es will nicht übersetzen.

Während du liest, verarbeitet dein Gehirn ohnehin schon Bilder, Emotionen, Zusammenhänge. Wenn dann auch noch komplizierte Wörter, Schachtelsätze und Fachbegriffe dazukommen, sagt es irgendwann: Danke, das war’s.

Und spätestens dann bist du draußen. Oder schlimmer: Du gehst googeln. Und kommst nicht mehr zurück.

Schachtelsätze sind schön. Aber bitte nicht exzessiv.
Fünf Ebenen ineinander verschachtelt sind einfach zu viel.

Das gilt auch für Füllwörter. Eigentlich. Auch. Und halt.
Schreiben ist leicht, man muss nur die falschen Wörter weglassen.

Hilfreich ist es, die eigenen Lieblingsfüllwörter zu kennen und gezielt danach zu suchen. Und spätestens im Lektorat fliegen sie einem ohnehin um die Ohren.

Auch aktiv und positiv schreiben hilft enorm.
Nicht: Das Kind wird vom Drachen angefallen.
Sondern: Der Drache fällt das Kind an.

Verneinungen möglichst reduzieren. Vieles lässt sich ohne „nicht“, „kein“ oder „nie“ sagen. Auch Ablehnen oder sich weigern zählen sprachlich zu Verneinungen.

Klischees sind ebenfalls so eine Sache.
Am Ende des Tages.
Schnee von gestern.
Das ist mir Jacke wie Hose.
Äpfel mit Birnen vergleichen.
Da beißt die Maus keinen Faden ab.

Kann man machen. Muss man nicht.
Es gibt wirklich Cooleres.

Und bitte aufpassen mit Jargon. Jede Branche hat ihre eigene Sprache. In Büchern wirkt das oft anstrengend und ausschließend. Leser:innen sollen nicht das Gefühl haben, sie hören einem internen Meeting zu.

Ein weiterer Punkt: Adjektive.
Ja, man braucht sie.
Nein, man braucht nicht alle.

Drei Viertel aller Adjektive können weg.
Der Sommer war heiß. Überraschung.
Spannender wäre: Es war einer dieser Sommer, in denen wir Hamburger auf der Motorhaube hätten braten können.

Oder: Er sprang den Einbrecher mutig an.
Besser: Er warf sich auf den Einbrecher. Mut ist implizit vorhanden.

Und bitte nicht jedes Nomen mit mehreren Adjektiven zukleistern. Nicht alles ist wahnsinnig groß, unglaublich schön und extrem fantastisch.

Ein letzter Tipp: Vermeide das Wort „sehr“.
Mark Twain hat gesagt, man solle es durch „verdammt“ ersetzen. Die Lektorin streicht es ohnehin.

Und spür in Wörter hinein.
Nur weil du deinen besten Freund liebevoll Freak nennst, heißt das nicht, dass dieses Wort für alle positiv besetzt ist. Wenn du es verwendest, brauchst du Kontext oder Erklärung.

Fazit:
Bleib bei deinem Stil. Unbedingt.
Aber versteck dich nicht hinter „Das ist halt mein Stil“, wenn etwas einfach nicht gut funktioniert.

Leser:innen sehen dein Gesicht nicht. Sie hören deine Betonung nicht. Sie haben nur deine Wörter. Und genau deshalb sollten wir es ihnen so leicht wie möglich machen.

Moni:
Das hast du gut gesagt.

Lisa:
Danke. Du Freak.

Beide:
Bis zum nächsten Mal. Tschüss.