Ein Schneeball voller Erinnerungen

von Conny Sellner

Patsch! Ein dicker, nasser Schneeball landet mitten im Gesicht von Sebastian. Erschrocken schüttelt sich der Junge und kann einen Moment lang nichts sagen. Doch sobald er den Schnee aus seinen Augen gerieben hat, fängt er laut an zu lachen: „Warte nur! Das kriegst du zurück!“ Leonie grinst herausfordernd und formt schon einen neuen Schneeball, als Sophie sie von hinten trifft. „Hahaha, erwischt! Das kommt davon, wenn man sich mit meinem Bruder anlegt!“, und zeigt Leonie frech die Zunge. „Na gut, du hast es nicht anders gewollt“, erwidert das Mädchen mit zusammengekniffenen Augen und einem verschmitzten Lächeln. Diesmal ist der Schneeball besonders groß und schwer, und Leonie überlegt, wen von ihren beiden Freunden sie damit abschießen soll. Sie entscheidet sich für Sebastian. Schließlich hat er sie letztes Mal mit Schnee eingerieben. Der Junge versucht zu fliehen, aber Leonie ist schneller und wirft mit voller Wucht nach ihm …

„Klirr!“ Das laute Geräusch einer zerbrochenen Scheibe durchbricht die lustige Stimmung der drei Freunde. Mit weit aufgerissenen Augen und Mündern schauen sie Richtung Nachbarhaus, in dem ein alter Mann wohnt, den die Kinder nur „Griesgram“ nennen, weil er immer so grantig dreinschaut. Leonie hat mit ihrem Schneeball das Küchenfenster getroffen. Die Kinder sind starr vor Schreck, denn sie ahnen schon, was jetzt kommt. Der alte Nachbar heißt nicht umsonst Griesgram. „Schnell, wir müssen hier weg!“, schreit Sophie, doch es ist zu spät. Schnaubend und mit einem wütenden Gang kommt der alte Nachbar aus seinem Haus. In seiner Hand die Reste des Schneeballs. „Wer war das?!“, schreit er in Richtung der drei Freunde. Keines der Kinder traut sich, ein Wort zu sagen, bis Leonie zögerlich murmelt: „I … ich … war das. Es tut mir leid!“ „Von deiner Entschuldigung hab ich nichts! Wer bezahlt mir jetzt mein Fenster und die Kaffeetasse? Die hast du mit deinem Ball nämlich auch getroffen!“, erwidert der zornige Mann. Sophie und Sebastian schauen sich hilflos an und möchten ihrer Freundin gern helfen, aber sie haben solche Angst, dass sie einfach nur betreten zu Boden schauen.

Leonie beginnt bitterlich zu weinen, während der Griesgram immer noch mit einem finsteren Blick in seinem Garten steht und zu den Kindern hinübersieht. In seiner Hand schmilzt langsam der Schneeball. Der alte Mann möchte schon zu einer weiteren Schimpftirade ausholen, da sieht er auf den Schneeball in seiner Hand und etwas Eigenartiges geschieht. Er fühlt sich plötzlich wieder jung. Die Finger, die sonst immer starr sind, tun plötzlich nicht mehr weh. Die Beine, die ihn nur noch ein paar Meter weit ohne Gehhilfe tragen, sind plötzlich voller Kraft, und seine Augen, die meistens fest zusammengekniffen sind, strahlen freundlich.

Plötzlich ist der alte Mann wieder ein junger Bub. Einer, der mit seinen Freunden damals immer die größten Schneeballschlachten im ganzen Dorf veranstaltet hat. Oft waren sie zehn Kinder oder mehr, die sich gnadenlose Gefechte mit den kalten Geschoßen geliefert haben. Nicht nur einmal hat dabei ein Ball das eine oder andere Fenster getroffen, doch die Kinder waren immer schnell genug, um rechtzeitig wegzulaufen. Der alte Nachbar lächelt. Er denkt zurück an seine Kindheit, in der es in jedem Winter so viel Schnee gab, dass man jeden Weg mit der Rodel zurücklegen konnte. Jeden Morgen, bevor er in die Schule ging, musste er erst einmal zusammen mit seinem Vater den Weg freischaufeln, weil es über Nacht so viel geschneit hatte. Überall in den Gärten standen große Schneemänner mit Augen aus Kohle und leuchtenden Karottennasen. Gleich nach der Schule gingen die Kinder zum Eislaufen auf den zugefrorenen See, doch statt moderner Eislaufschuhe hatten sie Kufen, die sie sich an die Schuhe schnallten. Eishockey wurde mit Stöcken und einer Scheibe aus Holz gespielt, und als die Kinder durchgefroren und mit roten Nasen von der Kälte heimkamen, wartete zuhause schon eine Tasse heißer Kakao auf sie. Jeden Abend vor dem Schlafengehen gab es vor Weihnachten eine Geschichte vom Christkind. Der alte Mann und seine Schwestern kauerten sich gemütlich vor dem Holzkamin zusammen, und alle freuten sich schon auf den nächsten Tag, wenn sie wieder ihre Freunde treffen und mit ihnen eine Schneeballschlacht veranstalten konnten.

„Geht es Ihnen gut?“ Eine kindliche Stimme reißt den alten Mann aus seinen Tagträumen. Verwirrt sieht er Leonie an, die immer noch mit Tränen in den Augen vor ihm steht. Vom Schneeball in seiner Hand ist nichts mehr übrig. „Ähm, ja, danke. Es geht mir gut. Ich habe nur gerade an etwas gedacht“, erwidert der plötzlich gar nicht mehr so böse dreinschauende Nachbar. „Es tut mir wirklich leid. Ich wollte Ihr Fenster nicht kaputt machen! Ich kann Ihnen etwas von meinem Taschengeld für die Reparatur geben“, schlägt Leonie vor. Sebastian und Sophie stehen an ihrer Seite und meinen: „Wir geben auch etwas, dann geht es sich sicher aus!“

Der alte Mann sieht die drei Freunde an und erkennt plötzlich in deren Gesichtern sich selbst und seine Schwestern Fanni und Maria wieder. Ein Lächeln huscht ihm übers Gesicht. „Ist schon gut. Ist ja nichts passiert, was man nicht reparieren könnte.“ Die Kinder schauen sich verwirrt an. Was hat er da gesagt? Er ist nicht mehr böse? Sie können es nicht glauben und wollen schon nachfragen, als der alte Mann meint: „Da fällt mir ein: Ihr könnt doch etwas tun.“

Fragend blicken Leonie, Sophie und Sebastian ihn an. Was jetzt wohl kommt? ‚Wahrscheinlich möchte er, dass wir seinen Holzschuppen aufräumen, jeden Tag Schnee schaufeln oder seine Küche für ihn putzen‘, denkt Sophie.

„Lasst ihr mich bitte mitspielen? Ich hab schon so lange nicht mehr bei einer Schneeballschlacht mitgemacht!“ Der alte Mann bekommt bei dem Satz ganz rote Backen und glänzende Augen. „Sie wollen mit uns mitspielen?“, fragen die drei Freunde gleichzeitig völlig fassungslos. „Ja, wenn ihr mich lasst, sehr gern.“

Die Kinder schauen immer noch verdutzt drein und wissen nicht, was sie sagen sollen. Sebastian findet als Erster seine Worte wieder und meint: „Na gut, aber dann müssen Sie in meinem Team sein. Mädchen gegen Buben – damit es fair ist!“ „Abgemacht!“, lacht der alte Nachbar und strahlt die Kinder an, als er freundlich zu ihnen sagt: „Ich bin übrigens Harald!“

Conny Sellner ist Autorin, Ghostwriter, Redakteurin und Lektorin. Nach jahrelanger Tätigkeit als Journalistin bei einer Lokalzeitung macht sie sich im Jänner 2021 als Ghostwriter und Mentaltrainerin selbstständig. Dann ist auch ihre Seite www.feelseitig.at abrufbar.

Bis dahin kann man ihre Geschichten im literarischen Adventkalender der Ghostwriting Academy genießen.

Schon bald findest du auf ghostwriting-academy.com ein vollständiges Profil von Conny.