Mikas besonderer Wunsch

von Sonja Kerschbaumer

Mika sitzt da und denkt nach. Was soll er sich nur vom Christkind wünschen? Der Neunjährige ist heillos überfordert. Er kann schon gut schreiben, aber Wünsche aufzuschreiben, ist wirklich schwer. Was wünscht er sich nur? Da er mit seinen Eltern in einer kleinen Wohnung wohnt, stellt er sich oft vor, wie es wäre, in einem riesigen, prunkvollen Haus zu wohnen. Dann hätte er ein eigenes Zimmer und genug Platz für all seine aus Lego gebauten Kunstwerke. Außerdem sollte es noch einen eigenen Raum zum Malen geben. So wie ihn sich die Mama so sehr wünscht. Und eine Garage sollte es auch geben. Damit der Papa nicht mehr Eis von seiner Windschutzscheibe kratzen muss. Dabei schimpft er nämlich immer so. „In einer Garage würde das nicht passieren“, hat Mika ihn schon oft sagen hören.

Am Abend geht er schlafen. Zwar hat ihm die Mama einen Gute-Nacht-Kuss gegeben und eine extra lange Geschichte vorgelesen, aber einschlafen kann er trotzdem nicht. Auch am nächsten und übernächsten Tag grübelt Mika noch. Was soll er nur aufschreiben, das allen gefällt?

Am liebsten hätte er ja etwas von Lego Ninjago. Das hat er nämlich neu entdeckt. Alle seine Klassenkameraden reden schon darüber, hat er in den Pausen bemerkt. Aber in diesem Jahr will er unbedingt etwas finden, das allen gefällt. Denn genauso, denkt er zumindest, hat es das Christkind gern. Alle sollen vor dem Christbaum stehen und die wunderbar leuchtenden Kerzen betrachten. Wenn er nur an den Heiligen Abend denkt, kann er schon die Gans riechen, die Mama jedes Jahr in den Ofen schiebt.

Vier Tage sind mittlerweile vergangen. Mika muss heute endlich den Brief schreiben. Entschlossen setzt er sich zum Küchentisch und beginnt:

Liebes Christkind!

Ich habe in diesem Jahr wirklich versucht immer brav zu sein. Immer ist es mir zwar nicht gelungen, aber ich habe mich wirklich, wirklich bemüht. Mein größter Wunsch ist, dass alle an Weihnachten zufrieden sind. Also hätte ich gerne ein großes Haus. Mit einem Raum zum Malen für meine Mama und einer großen Garage für meinen Papa. Das würde die beiden sicher glücklich machen. Und wenn es nicht zu viel ist, liebes Christkind, bitte für mich noch ein Lego Ninjago. Meinetwegen auch ein ganz kleines.

Dein Mika

Stolz schaut Mika auf den fertigen Brief in seinen Händen, den er fein säuberlich faltet. Zusammen mit ein paar Keksen legt er ihn gemeinsam mit seiner Mama auf das Fensterbrett im Wohnzimmer. Am nächsten Tag kann der Junge es kaum erwarten, aus dem Bett zu springen und zum Fenster zu laufen. Der Brief ist weg. Die Kekse angebissen. Da war das Christkind aber schnell!

Die restliche Adventzeit vergeht wie im Flug. Endlich öffnet Mika die letzte Türe seines Adventkalenders und denkt zufrieden: ‚Heute ist Weihnachten. Endlich! Hoffentlich konnte das Christkind das große Haus einpacken und unter den Christbaum legen.‘ Es wird Abend, die Glocke läutet und Mama ruft: „Kommt schnell! Das Christkind war da!“

Mika läuft schnell ins Wohnzimmer. Der Christbaum ist mit bunten Kugeln bestückt und leuchtet wunderschön. Es werden Weihnachtslieder gesungen und gebetet. Dabei bemerkt Mika, dass da gar kein Geschenk unter dem Baum liegt, das groß genug für ein Haus wäre. Hat das Christkind mich etwa nicht richtig verstanden? Papa hat eine Krawatte in seinem Päckchen und Mama ein neues Paar warme Handschuhe. Auch für Mika ist ein Geschenk dabei. Hastig packt er es aus. Der Inhalt bringt seine Augen zum Strahlen. Es ist Lego Ninjago. So wie er es sich gewünscht hat. Das Wohnzimmer ist gepflastert mit Geschenkpapier. Aber ein Haus…nein, ein Haus ist nicht dabei. Traurig blickt der kleine Junge zu Boden.

„Was ist denn mit dir los? Freust du dich etwa nicht über dein Geschenk?“, fragt Mikas Papa etwas besorgt. „Doch, schon. Aber ich hab mir auch was für euch etwas gewünscht. Aber das hat das Christkind wohl nicht verstanden.“ Mit glasigen Augen fällt sein Blick auf den immer noch wunderbar glitzernden Baum.

Da kommt Mikas Mama und nimmt den Jungen liebevoll in den Arm. „Ich finde es toll, dass du bei deinem Wunschzettel auch an uns denkst, aber auch das Christkind kann leider nicht alle Wünsche erfüllen. Und ganz ehrlich: Ich mag unsere Wohnung, weil ich hier mit euch glücklich bin.“

Beim letzten Satz hat Mama Tränen in den Augen und Mika versteht, dass ein Wunsch ans Christkind nicht immer groß sein muss. Hauptsache, er kommt von Herzen.

Sonja Kerschbaumer ist Autorin, Ghostwriter und Unternehmerin im Bereich Gartenbau und Floristik.

Sie ist außerdem Vollblutmama einer wunderbaren Tochter, die gleichzeitig ihr größter Fan ist. Fantasie ist eine Gabe, die sich in vielen ihrer Werke widerspiegelt. So entstehen vom Leben inspirierte Geschichten für Groß und Klein.

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