Weihnachten mal anders
Monika Lexa
Monika Lexa
Ich bestehe auf gebackene Scholle mit Erdäpfelschmarrn zu Weihnachten. Meinetwegen kann es noch einen Rote-Rüben-Salat geben, das ist mir egal. Aber Fisch und Schmarrn müssen sein. Fisch: unbedingt selbst paniert, das schmeckt am besten. Auch, wenn dann die ganze Wohnung fischelt. Schmarrn: nur vom Papa. Der macht den einfach so gut. Genau die richtige Menge Zwiebeln, genau richtig knusprig. Und dann gibt’s mit dem Rest Ei und Mehl, das vermischt in die Pfanne kommt, dieses seltsame Ding ohne Namen, das ich so gern esse. Also, es hat schon einen Namen, aber er fällt mir gerade nicht ein. Wenn ich das haben kann, dann ist Weihnachten für mich in Ordnung.
Sonst mag ich Weihnachten ja nicht so. Irgendwie ist es in der Vorweihnachtszeit immer stressig. Die meisten Leute sind schon genervt, obwohl Weihnachten noch bevorsteht und anschließend versinkt das ganze Land in zwei Wochen Untätigkeit. Wobei, die beginnt meist eh schon mit Anfang Dezember. Da geht’s nur noch um Weihnachtsfeiern, Adventmärkte und Geschenke besorgen.
Apropos … meine Mama ist ja einfach. Ein bisschen Helene Fischer da, ein bisschen Helene Fischer dort, und die gute Frau ist so nett und bringt meist vor Weihnachten irgendwas Neues raus. Bei meinem Bruder wird’s schon schwieriger, aber die große Herausforderung ist Papa. Der hat schon alles, was es an -Devotionalien gibt. Und jede Operetten-CD, die man irgendwo auftreiben kann.
Wie immer werde ich auch dieses Jahr viel zu spät losziehen, um die Geschenke zu besorgen. Wie immer werde ich das meiste auf Amazon bestellen, weil ich Einkaufen generell nicht mag und zu Weihnachten schon überhaupt nicht.
Und wie immer werde ich mich davor drücken, auch nur einen Adventmarkt zu besuchen. Auch wenn das im Dezember scheinbar der einzige Ort ist, an dem man sich treffen darf. „Na geh, auf einen Punsch?!“ Ich hasse Punsch. Und Glühwein. Den noch mehr als Punsch. Mein Magen dreht sich schon beim Gedanken daran um. Kinderpunsch geht ja noch, aber dann bin ich die einzige Nüchterne in einem Konglomerat Besoffener.
Bin ich ein Grinch? Ja, ganz klar!
Wie immer wird es mich stressen, dass ich zu Weihnachten so viele Familientermine unterbringen muss. Und wie immer werde ich den ganzen Dezember so genervt sein wie die anderen und mir wünschen, dass Weihnachten bald wieder vorbei ist (und Silvester auch gleich) und dann wieder ein Jahr Ruhe ist. Oder elf Monate …
Unter uns … ich mag den Stress vor Weihnachten nicht. Weihnachten schon. Weil das ist Family-Time. Und deswegen freu ich mich auf heute … das Essen brutzelt schon auf dem Herd, als wir bei meinen Eltern auftauchen. Mein Bruder und seine Freundin kommen kurz nach uns, fast pünktlich. Es ist wenig festlich, aber heimelig. Nach dem Essen und als alle Geschenke verteilt und ausgepackt sind, gibt’s eine Familien-Brettspielrunde. Und ich merke, dass mein Herz sich seit heute Morgen erheblich erwärmt hat.
Papa grinst mich an, als er beim Spiel gewinnt. „Beim nächsten Mal hast vielleicht mehr Glück, Montschi“, sagt er und drückt mich an sich. Mir wird noch wärmer ums Herz und ich genieße den Moment. Auch, wenn es zusätzlich zur Wärme so ein komisches Gefühl gibt, das ich nicht einordnen kann. Irgendwas ist anders, irgendwas stimmt hier nicht. Aber ich kann nicht sagen was …
Als ich aufwache, kenne ich mich zuerst gar nicht aus. Ist schon Weihnachten? Völlig verwirrt quäle ich mich aus dem Bett. Und während ich langsam ins Wohnzimmer schlurfe, dämmert es mir.
Dinge ändern sich. Wir feiern meistens bei Mama in der Wohnung. Am 25.12., weil am 24.12. mein Bruder und seine Freundin bei ihrer Familie sind. Da gibt’s zwei kleine Neffen, die müssen am 24. feiern. Wir nicht und das ist auch absolut in Ordnung so. Meine Frau und ich gehen meist ins Kino am 24. Da ist sonst keiner und irgendwie macht das den Weihnachtstag erträglicher. Sonst kommen wir eh nicht dazu. Der 25. ist dafür immer super angenehm. Undramatisch, was wohl viele nicht behaupten können, wenn sie mit ihren Familien feiern, und heimelig. Noch immer. Nur anders.
Das mit dem Fisch … was soll ich sagen? Lang hab ich ihn gefordert und verteidigt, aber selbst gemacht gibt’s nicht mehr. Wir sind bei Tiefkühlfisch gelandet. Ist aber auch okay, irgendwie. Den Schmarrn gibt es noch, den macht jetzt meine Frau. Das Ding mit dem Namen, der mir einfach nicht mehr einfällt, gibt’s auch nicht mehr. Ich weiß nicht, was mich mehr ärgert: dass es das Ding nicht mehr gibt oder dass ich den Namen nicht mehr weiß. Und niemanden hab, den ich fragen könnt.
Als ich mit meinem Kaffee am Balkon sitz, spür ich wieder dieses seltsame Gefühl in mir. Das, das mir sagt, irgendwas stimmt hier nicht. Und als ich so richtig in mich hineinspür, wird mir klar, dass dieses Gefühl weder neu ist noch jemals weggehen wird. Es ist da, seit ich mir ein Geschenk weniger überlegen muss. Und es wird bei mir bleiben, bis ich mein letztes Weihnachtsfest feiere.
Es hat sich noch etwas geändert: Mir ist bewusst geworden, dass manches viel zu schnell vorbei ist; dass wir Momente, die vergangen sind, nur als Erinnerung zurückholen können, dass das aber nicht das Gleiche ist; dass wir nur im Jetzt leben können und nie wissen, was das Morgen bringt. Und vielleicht ist unser Familien-Weihnachten deswegen für mich immer noch heilig, auch wenn es heute anders ist. Weil ich den Moment mit denen genieße, die noch da sind.

19. Dezember – Baum-Alptraum