Baum-Alptraum
Ursula Rathensteiner
Ursula Rathensteiner
I
„Super, ja, so machen wir es.“ Pause. „Ja, Mama. Ich komme am Heiligen Abend zu euch.“ Ich sehe, wie Dora tief durchatmet. „Ja, ja, das haben David und ich schon besprochen.“ Weihnachten war natürlich Thema zwischen uns. Das Fest der Liebe ist es wohl für alle Pärchen. Und wir sind uns einig: Ein gemeinsames Weihnachten mit allen noch lebenden Elternteilen, Großeltern und Geschwistern samt Anhang ist uns zu früh. Wir sind schließlich noch keine sechs Monate zusammen. Also Weihnachten und Familie(n) nur in kleinen Portionen. Bei ihren Eltern zuhause war ich überhaupt noch nie.
„Nein, er feiert am 24. bei seiner Mutter. Ja, haben wir besprochen. Wir werden Weihnachten einmal aufteilen. So ist niemand allein. David besucht seine Mutter. Das machen sie so, seit sein Vater gestorben ist.“
Dora atmet noch einmal durch, klingt diesmal emotional, nicht genervt. Auch darüber haben wir miteinander gesprochen. Dass ich immer zu Weihnachten meine Mutter besuche, weil mein Vater vor fast vier Jahren bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen ist und es nur noch uns beide, meine Mutter und mich, gibt.
„Nein … ja. Ich komme am 24. zu euch. Und David kommt am 25. nach.“
Ein Blick zum Himmel.
„Ja. Die ganze Familie am 25.“
Das heißt: Doras Eltern, ihr kleiner Bruder Jannis und seine Freundin Silvia – und Dora und ich.
„Das werden wir noch sehen. Ja, ich komme am 24. am frühen Nachmittag. Versprochen. Und wir besuchen Oma und Opa.“
Da die Weihnachtsfeiertage organisiert sind, kann Dora das Gespräch mit ihrer Mutter beenden. Sie kommt zu mir aufs Sofa.
„Sie wollen die ganze Familie haben. Ist eben Weihnachten. Wir haben dann den 26. ganz für uns allein“, sagt sie und küsst mich. Um mich zu beruhigen, wahrscheinlich. Sie weiß, dass ihre Eltern zwar höflich, aber konservativ-einschüchternd sind. Die zwei-, dreimal, als sie bei uns in der großen Stadt waren, haben wir im Gasthaus mit Plaudern übers Wetter, das geplante Kulturprogramm und meinen Lehrerjob verbracht. Wohl auch nicht das, was sie sich für ihre Vorzeigetochter vorgestellt haben. Vor allem Doras Mutter nicht. Dass es Weihnachten ist, nimmt nicht gerade Druck heraus.
„Was soll ich deinen Eltern schenken?“
„Mach dir bitte keinen Stress. Geschenke sind nicht so wichtig. Hat Mama extra gesagt.“
„Es ist Weihnachten …“
Dora sieht mich an und meint dann: „Papa ist einfach. Eine gute Flasche Wein und er ist glücklich. Und irgendwas Süßes oder so für Mama wird schon passen.“
Sie krallt sich die Fernbedienung, sucht auf Netflix einen Film aus und schmiegt sich an mich. Damit ist das Thema Weihnachten mal vom Tisch. Für sie jedenfalls. Für mich auch, zumindest für kurze Zeit. Das cineastische Nicht-Meisterwerk ist recht gute Ablenkung. Als dann der Nachspann beginnt, schaut Dora Richtung Schlafzimmer und grinst. Ein Kuss als Antwort, mehr braucht es nicht.
II
Zwei Wochen vor dem großen Tag, zwischen den letzten Schularbeiten vor den Ferien und Punschstand, lässt er sich nicht mehr verdrängen: der 25. Er kommt mit Riesenschritten näher. Dora bleibt dabei: Geschenke sind nicht so wichtig. Hauptsache, ich fahre am 25. zu ihren Eltern und die ganze Familie ist bei der zweiten Bescherung dabei. Schon ein wenig verzweifelt hole ich mir bei Jannis Tipps, wie ich seine Mutter auf meine Seite bekomme und zu Weihnachten einen guten Eindruck hinterlasse. Das ist meiner Mama ebenfalls wichtig, die sich gut mit Dora versteht. Wir unternehmen sogar ab und zu etwas gemeinsam. Die Eltern meiner Freundin hat sie auch schon kennengelernt: Das einzige Zusammentreffen war höflich-harmonisch.
Piep, meine Antwort ist da. „Mama vergöttert ihre zwei Maine Coons. Schenk ihr einfach Spielzeug für sie. Futter ist zu kompliziert … 😉 J“
Mission Weihnachtsgeschenk kann starten. Doras habe ich schon seit November. Schmuck. Ja, ein wenig einfallslos, aber der Jack-Skellington-Anhänger ist halt doch etwas Besonderes. Sie liebt Nightmare before Christmas – den „durfte“ ich mit ihr zu Halloween schauen und vermutlich spätestens am 26. wieder. Für die gute Flasche für ihren Papa werde ich heute in eine renommierte Weinhandlung gehen. Nach dem Abstecher in die Buchhandlung für meine Mama und der Zoohandlung für die beiden Fellnasen von Doras Mutter. Und dann kann Weihnachten kommen.
III
Was es tut. Da ich kein Verpackungskünstler bin, habe ich vorsorglich weihnachtliche Schachteln und Säckchen besorgt. Ein Stolperstein weniger. Mama ist nicht heikel, freut sich aber trotzdem – da bin ich mir absolut sicher –, wenn ihr Buch nicht windschief in irgendein Stück Papier eingewickelt ist. Wie früher. Was das betrifft, habe ich Papas Nicht-Talent geerbt. Dora ist das Äußere auch nicht so wichtig. Ihren Eltern … na ja … da lasse ich es lieber nicht drauf ankommen. Das Weihnachtsfest bei ihnen wird aufreibend genug. Zumindest, wenn man große Familienfeste nicht mehr gewohnt ist. Bis vor fünf Jahren war noch meine Großmutter dabei, dann … noch Mama und Papa. Und jetzt nur noch Mama und ich. Jedenfalls rede ich mir ein, dass mich die schön verpackten Geschenke beruhigen.
„Tschüss, bis morgen.“ Ein schneller Kuss von Dora. „Frohe Weihnachten, Häschen!“ Ja, das ist der Kosename, der zu meinem eher gespielten Leidwesen hängengeblieben ist.
„Frohe Weihnachten!“, schreie ich meiner Freundin nach, die schon bei der Tür hinausstürzt. Sie hat sich mit ihrem Kaffee zu lang Zeit gelassen. Ich habe Ruhe bis zum Abend. „Komm einfach so um sieben, okay? Recht viel werde ich für uns zwei nicht vorbereiten können, weil ich in die Messe gehe. Ich bin schon eine alte Frau, da gehe ich lieber am Nachmittag in die Kirche. Und die Kinder, die gestalten die Feier zu Weihnachten immer so nett“, hat Mama wie jedes Jahr gemeint. Als ich klein war, hat sie mich in die Kindermette mitgeschleppt. Mit 14 oder 15, vor gut zehn Jahren, durfte ich zum ersten Mal bei Papa bleiben und sie ist allein hingegangen. Irgendwann danach hat sie aufgegeben zu fragen, ob ich sie begleite. Aber das Weihnachtsfest zuhause verweigere ich nicht. Schon gar nicht, seit mein Vater gestorben ist. Mama besteht immerhin nicht auf eine große Feier. Ein bisschen „heilige“ Musik, Essen, kleine Geschenke und ein kitschiger Weihnachtsfilm.
IV
„Und toi, toi, toi für morgen!“ Ich habe die Worte meiner Mutter noch im Ohr, als ich mich am 25. am frühen Nachmittag ins Auto setze, um zu Doras Eltern zu fahren. Die schön eingepackten Geschenke gut geschützt am Rücksitz. Nach eineinhalb Stunden Fahrt erreiche ich das gepflegte Einfamilienhaus mit den weihnachtlichen Lichtern im Garten. Nicht übertrieben, aber vorhanden. Ich atme tief durch und steige langsam aus. Ein paar Sekunden gewinnen. „Immer herein in die gute Stube!“, begrüßt mich Doras Vater jovial, nachdem er die Tür geöffnet hat. Hinter ihm kommen seine Frau, Dora, Jannis und Silvia. Die ganze Weihnachtsgesellschaft. Jannis nimmt mir die Geschenke ab. „Die kommen erst Mal unter den Baum!“ Und verschwindet im Wohnzimmer. Doras Mutter schüttelt mir die Hand.
„Wie war die Fahrt? Wie geht’s deiner Mutter?“
„Danke, gut, danke.“
Zum Glück muss ich nicht weiter ausführen, denn Dora hat sich an ihrer Familie vorbeigedrängt und begrüßt mich mit einem eher zurückhaltenden Kuss. Trotzdem schön. „War das Christkind brav, Häschen?“ Sie zwinkert mir zu. Jannis kann sich das Lachen nicht verkneifen, Silvia boxt ihn in die Schulter. „Aua.“ Alles andere als leise. Zum Antworten komme ich kaum, Doras Mutter bittet uns sofort ins Esszimmer. Meine Sachen für die Nacht sind noch im Auto und müssen dort warten. Es duftet herrlich nach Fisch und Kräutern, besser als im Vorzimmer. Da war so ein leichter, aber penetranter Geruch, den ich nicht zuordnen konnte. „Zuerst wird gegessen, dann gibt’s noch einmal Bescherung mit unserem Gast.“ Zwinkert mir die Mutter meiner Freundin gerade wirklich zu?
Das mit dem Essen vor der Bescherung wird strikt eingehalten. Wir sind alle damit beschäftigt, die Köstlichkeiten zu verzehren. Mehr als Small Talk zur Schneelage – nein, es sind keine weißen Weihnachten – und ein paar Anekdoten über die besten Geschenke (Schmuck, außergewöhnlicher Alkohol, ein Wellness-Wochenende, Gutscheine fürs Sportgeschäft – mein Beitrag) braucht es nicht. Plötzlich spüre ich ein Bein an meinem. Dora grinst und führt demonstrativ die Gabel mit einem großen Bissen Lachs zum Mund. Ich grinse, etwas weniger offensichtlich, zurück. Später, also eigentlich morgen, haben wir dann endlich wieder Zeit für uns. Und Privatsphäre.
Nach dem Essen erklingt ein Glöckchen. Obwohl wir alle keine Kinder mehr sind. Aber wenn es Tradition ist, soll es mir recht sein. Dora nimmt mich an der Hand und führt mich ins Wohnzimmer. Dicht gefolgt von den anderen. Nur ihre Mutter ist noch schnell in den oberen Stock entschwunden. Als sie zu uns stößt, mittlerweile erklingt „O Tannenbaum“, folgen ihr zwei riesige Langhaarkatzen. Eine getigert, eine orange-weiß.
„Darf ich vorstellen? Kalliope und Klio.“ Sie wirft den beiden einen innigen Blick zu. Fast verliebt. Hoffentlich mögen die zwei ihr neues Spielzeug.
„Wegen diesen beiden Schätzen gibt’s leider keine echten Kerzen. Das wäre einfach zu gefährlich, gell?“ Doras Mutter dreht sich zu ihrem Mann, der aufs Stichwort die LED-Kerzen-Kette einschaltet. „Und kein Lametta.“ Bis auf die moderne Beleuchtung ist der Baum trotzdem traditionell: groß, fast bis zur Decke, mit einem goldenen Stern auf der Spitze, unzählige goldene und rot glänzende Kugeln, Maschen und in Seidenpapier gewickelte Süßigkeiten. Wie nett, vor allem, weil ja alle erwachsen sind. Wer die wohl so schön verpackt? Doras Mutter sicher.
„Frohe Weihnachten!“
Meine Stimme fügt sich leise in den Chor der guten Wünsche ein. Gesungen wird zum Glück nicht, das erledigt ein Radio. Dann geht es ans Auspacken der Geschenke. Bei so vielen Leuten wird das unübersichtlich. „Ach, wie schön! So weihnachtlich“, ruft Doras Mutter, als sie das rot-grün-karierte Stoffspielzeug für Kalliope und Klio entdeckt. „Das wird ihnen sicher gefallen, den beiden Schätzen.“
„Danke, den werden wir bei einem besonderen Anlass öffnen.“ Doras Vater scheint sein Geschenk auch zu mögen. Meine Freundin küsst mich sogar vor allen, nachdem sie den Anhänger entdeckt hat. Silvia macht es ihr mit ihrem Partner nach. Jannis wirkt etwas verlegen. „Die Frauen!“, flüstert er mir ins Ohr, als Dora und Silvia sich den nächsten Geschenken widmen. Sein Märtyrerblick weicht aber schnell einem Grinsen.
Obwohl es eine Nachspeise gab, ziehen mich die schön verpackten Süßigkeiten an. Sie sind ja wohl dazu da, um uns Gäste zu erfreuen. Als ich meine Hand nach einer goldenen Köstlichkeit ausstrecke und sie vom Baum nehme – sie ist ziemlich leicht –, sehe ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung. Silvia schüttelt leicht den Kopf, ihr Blick intensiv. Und meine Freundin neben ihr? „Nein!“ Doras Schrei, nicht tonlos, obwohl ihr weit aufgerissener Mund eher einem stummen Pantomimen gleicht, bringt das Wohnzimmer zum Stillstand. Plötzlich zieht mich Jannis vom Weihnachtsbaum weg. Mit Nachdruck. Die glänzende Köstlichkeit fällt zu Boden. Kalliope – oder ist es Klio? – tapst eiligst herbei und stürzt sich auf die süße Deko, versucht, sie ganz auszupacken. Aber ist Schokolade nicht giftig für Katzen? Warum ist Doras Mutter so ruhig, sogar amüsiert? Und wieso ist der Mund meiner Freundin noch immer ein Schrei? Und der Geruch? Das ist nicht nur die Katzenminze aus dem Spielzeug. Die anderen haben sich beruhigt, einige scheitern aber kläglich beim Versuch, sich das Lachen zu verkneifen.
„Ja, Kalliope, du bekommst auch eins. Klio hat sich wie immer vorgedrängt. Aber es ist ja Weihnachten“, erklärt Doras Mutter und nimmt eine in rotem Seidenpapier verpackte Köstlichkeit vom Baum. Sie öffnet das Paket und legt es auf den Boden. Kalliope kostet begeistert.
Jannis klopft mich aus meiner Erstarrung und lacht. „Du schuldest mir was! Nur weil Klio und Kalliope drauf stehen, heißt das nicht, dass das Zeug gut schmeckt. Oder hast du einen heimlichen Katzensnack-Fetisch?“ Doras Mutter streichelt ihre beiden Maine Coons. Meine Freundin hat ihr Lachen wieder gefunden.
„Mein Häschen ist eher ein Gourmet, oder, Häschen?“ Dann küsst Dora mich noch einmal. Ohnehin schon alles egal, oder?
Jannis und Silvia fahren bald. Ich muss nach meinem Auftritt wie geplant bleiben. Im Gästezimmer. Allein.
„Gute Nacht. Kalliope und Klio haben dir übrigens verziehen“, bemerkt Doras Mutter. „Frag beim nächsten Mal mich. Ich weiß, wo meine Frau die Süßigkeiten versteckt“, ergänzt ihr Vater.
„Oder mich.“ Dora holt mit mir mein Gepäck aus dem Auto und bringt mich ins Gästezimmer.
„Gute Nacht.“
Hoffentlich warten nicht noch mehr Alpträume auf mich.

20. Dezember – Polly und das Universum