The Write Way Folge 33: Die hässliche erste Fassung

Lisa: Herzlich willkommen zu unserer Folge dreiunddreißig des The Write Way Podcasts. Wir sprechen heute über die hässliche erste Fassung. Ja, und passend dazu möchte ich gleich mit einem Geständnis anfangen. Die Moni weiß es. Und jetzt weißt du es auch. Meine ersten Fassungen sind eine ziemliche Zumutung. Sie sind chaotisch, manchmal eine Ansammlung von Fragmenten und teilweise klingen sie wirklich roh, ungeordnet, überbordend und so, dass man sie niemandem wirklich zu lesen geben möchte. Kurz gesagt: eine Zumutung.

Moni: Für dich oder die Menschheit?

Lisa: Für alle Beteiligten. Gut, dann sind wir eigentlich schon mitten im Thema. Also wie gesagt, es geht um die hässliche erste Fassung. Die grausliche Fassung. Die, die niemand sehen soll. Also die Version, bei der man sich fragt, ob Schreiben wirklich eine gute Idee war oder ob man stattdessen lieber Körbe flechten lernen soll oder zur Müllabfuhr geht.

Moni: Ich bemerke einen gewissen roten Faden. Wer jetzt keine Ahnung hat, warum wir die Müllabfuhr ins Spiel bringen, einfach Podcastfolge zweiunddreißig zum Thema Feedback anhören. Kommen wir wieder zum heutigen Thema. Diese Folge ist für alle, die glauben, gute Texte entstehen sauber, klar und elegant.

Lisa: Tun sie nicht. Also willkommen zu einer Folge über Mut und Unvollkommenheit und über Texte, die erst einmal schwierig sind. So richtig schwierig.

Moni: Aber warum fällt uns die erste Fassung eigentlich so schwer?

Lisa: Weil sie unseren inneren Monk beleidigt, der meistens eine ziemlich genaue Vorstellung davon hat, wie es eigentlich klingen soll.

Moni: Deiner heißt vermutlich Monika.

Lisa: Genau das schreibe ich auch immer. Wenn ich Moni schreiben will, kommt der Montag raus. Er hat schon seinen Namen.

Moni: Vielleicht kennst du deinen eigenen inneren Monk.

Lisa: Meiner hat sehr hohe Erwartungen an mich. Perfektion auf den ersten Blick. Und dann kommt immer etwas anderes raus. Dieses Etwas klingt irgendwie komisch. Gar nicht so wie ich. Und es ist weder schlau noch mutig noch toll oder umwerfend. Es ist eigentlich nur eine Ansammlung von Wörtern, die zwar irgendwie beschreiben, worum es geht, aber so überhaupt keinen Charme haben.

Moni: Null Charme.

Lisa: Oder Wörter, die vor sich hin stolpern wie ein besoffener Pinguin im Schneesturm.

Moni: Pinguine tragen Hosen?

Lisa: Habe ich bei mir gesehen.

Moni: Und trotzdem ist es notwendig, dass man irgendwo anfängt.

Lisa: Genau. Ohne die hässliche erste Fassung würde es keinen Text geben. Gar keinen. Schreiben ist nicht: Ich denk mir was und schreibe es perfekt nieder. Schreiben ist Denken in Rohform.

Moni: Es gibt natürlich diese ganz wenigen Menschen, die Texte im Kopf so lange herumwälzen, bis sie perfekt sind.

Lisa: Darf ich dich kurz unterbrechen? So nach dem Motto: Was liegt, das pickt. Wir haben wirklich eine Freundin, die schreibt so.

Moni: Aber das muss man können.

Lisa: Ich kann es nicht.

Moni: Ich auch nicht.

Lisa: Da geht der Entwurf eher verloren, bevor er aufgeschrieben wird. Kennst du das? Kurz vorm Einschlafen kommt der perfekte Text.

Moni: Und du denkst dir: Den merk ich mir bis morgen.

Lisa: Und am nächsten Tag ist er weg.

Moni: Also lieber schlecht schreiben als gar nicht.

Lisa: Genau. Der erste Entwurf ist eine Baustelle. Mit Staub, mit Lärm, mit Chaos. Und du willst alles wieder einreißen.

Moni: Aber bitte nichts löschen.

Lisa: Genau. Wenn du es nicht anschauen kannst, leg es in einen Ordner. Nenn ihn von mir aus Scheißdreck. Aber speichere es.

Moni: Du könntest es später noch brauchen.

Lisa: Ich habe Ordner in Ordnern mit Versionen.

Moni: Ich auch.

Lisa: Der erste Entwurf ist schlecht und das darf er auch sein.

Moni: Wenn nicht, dann gratuliere.

Lisa: Wirklich.

Moni: Aber meistens ist er schief und nicht salonfähig.

Lisa: Ich sag dann oft: Das kann doch kein Mensch lesen.

Moni: Und dann beginnt die Überarbeitung.

Lisa: Genau. Und irgendwann wird es gut.

Moni: Wie ist das bei deinen Kundinnen?

Lisa: Die glauben oft, sie müssen perfekt abliefern.

Moni: Müssen sie nicht.

Lisa: Wir brauchen Material.

Moni: Unfertig ist perfekt zum Arbeiten.

Lisa: Genau.

Moni: Und viele haben Angst vor Unvollkommenheit.

Lisa: Und davor, dass jemand es sieht.

Moni: Dabei ist die erste Fassung kein Fehler.

Lisa: Sondern ein Beweis, dass du angefangen hast.

Moni: Und damit bist du schon weiter als viele andere.

Lisa: Genau.

Moni: Wenn man auf Perfektion wartet, schreibt man gar nicht.

Lisa: Und kommt nicht weiter.

Moni: Auch beim Ghostwriting ist die erste Version nicht perfekt.

Lisa: Nein.

Moni: Es geht zuerst um Ton und Stil.

Lisa: Perfektion gibt es sowieso nicht.

Moni: Kein Buch ist fehlerfrei.

Lisa: Und man könnte immer weiter verbessern.

Moni: Endlos.

Lisa: Aber irgendwann muss man fertig werden.

Moni: Sonst passiert gar nichts.

Lisa: Genau.

Moni: Also die erste Version darf unfertig sein.

Lisa: Muss sie sogar.

Moni: Was würdest du jemandem sagen, der daran scheitert?

Lisa: Schreib. Lass es liegen. Mach weiter. Und sei freundlich zu dir.

Moni: Das ist oft das Schwerste.

Lisa: Wenn dein Text hässlich ist, gratuliere.

Moni: Du bist mittendrin.

Lisa: Und von da wird es besser.

Moni: Aber nur, wenn du weitermachst.

Lisa: Du musst die erste Version nicht lieben.

Moni: Aber akzeptieren.

Lisa: Genau.

Moni: Weil sie die wichtigste ist.

Lisa: Richtig.

Moni: Sie ist der Anfang.

Lisa: In diesem Sinne: Wenn du noch nicht angefangen hast, jetzt ist der perfekte Zeitpunkt.

Moni: Bis zum nächsten Mal.

Lisa: Tschüss.