Oma und die Rentiere

von Thomas Hennig

Oma Frieda sitzt gemütlich in ihrem großen Ohrensessel vor dem Kamin. Viktoria, ihre Enkelin, ist heute zu Besuch. Es ist ein wunderschöner Dezembertag und draußen schneit es. Das Kaminfeuer lodert. Das Zimmer hat sich mit wohliger, leicht rauchiger Luft gefüllt. Obwohl Viktoria inzwischen ein Teenager ist, begeistern Omas Geschichten sie immer noch. Immerhin hat Oma sie alle selbst erlebt.

Eine dieser Geschichten handelt von Oma Frieda, einem Sámi namens Tor und seinen Rentieren. Tor lebt in Lappland, einem Landstrich, der sich über Schweden, Finnland, Norwegen und Russland erstreckt und nördlich des Polarkreises liegt, in Jokkmokk in Schweden. Nördlich des Polarkreises ist es fast ein halbes Jahr durchgehend Nacht. Die Sonne steigt dann nur ein paar kurze Augenblicke über den Horizont. Es gibt ein eigenartiges dämmriges Licht. In dieser Zeit ist es klirrend kalt. Der Schnee knirscht bei jedem Schritt. Ohne Handschuhe und warme Jacke rauszugehen, ist keine gute Idee bei minus 30 Grad. Selbst heißer Tee friert bei den Temperaturen gerne einmal ein, wenn man ihn nicht schnell genug trinkt, denkt sich Viktoria, während sie noch ein Holzscheit in den Kamin legt. Alle Seen sind mit dickem Eis bedeckt und es herrscht eine seltsame, von unendlichem Frieden erfüllte Ruhe. Oma Frieda, damals noch ein junges Mädchen, befand sich damals auf einer Studienreise, sie wollte die Polarlichter erforschen. Grüne Lichterscheinungen, die wie Feenschleier über den Nachthimmel ziehen.

Eines Tages, bei sternenklarem Himmel, baut Frieda weit weg von jedem Licht der kleinen Stadt ihre Kamera auf und wartet. Sie wartet auf die betörenden Schleier, die sich hoffentlich heute zeigen würden.Es vergeht Stunde um Stunde und es ist kalt. Die Kälte kriecht durch die dicken Stiefel, als wäre es das Eis selbst, das sich seinen Weg zu Omas Füßen bahnt. Die Zehen frieren langsam ein. Der heiße Tee aus der mitgebrachten Thermoskanne wärmt schon lange nicht mehr.

Da! Plötzlich taucht der Himmel in einen grünlichen Schein. Die Schneekönigin lädt zum Ball und alle Feen kommen mit ihren schönsten Schleiern zum Tanz. Die Polarlichter werden immer mehr und mehr. In kürzester Zeit ist der Himmel übersät mit einem magischen grünen Schein. Die Schleier weben sich ineinander, bis eine dichte, fast samtige Wolke entsteht, die den ganzen Horizont überzieht. Die Wolke bewegt sich, scheint fast lebendig. Frieda fotografiert, was die Kamera hergibt. Knipst ein Bild nach dem anderen. Die Kälte spürt sie nicht mehr. Sie hat nur noch Augen für diese geheimnisvollen Lichter. Sie sieht und hört nichts anderes. Auch nicht den Wind, der vom See her aufzieht. Er wird stärker und bringt Schnee mit. Harten Schnee und Eis. Der Wind treibt Eiskristalle über die unendlich weite Ebene. Als die Sicht schlechter wird, verschwinden auch die Polarlichter. Frieda packt ihre Ausrüstung zusammen.  Ihre Finger werden langsam klamm und die Nasenspitze fühlt sich an, als erstarrte sie zu Eis. Endlich fertig – auf nach Hause.

Aber in welche Richtung? Sie mümmelt sich immer mehr in ihre Jacke, zieht den dicken Schal vor ihr Gesicht. Ihre Schneebrille ist inzwischen so angelaufen, dass sie nicht einmal mehr die Hand vor den Augen sieht. Frieda nimmt die Brille ab, aber der Schnee im Gesicht schmerzt wie tausend Nadelstiche. Sie kann ihre Augen kaum offen halten. Der Wind wird immer stärker. Die Kälte kriecht jetzt viel schneller Friedas Beine hoch als zuvor.

Viktoria wird bei dem Gedanken frostig kalt und sie legt noch zwei weitere Scheite Holz in den Kamin. Gott sei Dank ist es in Omas Kaminzimmer warm, denkt sie sich.

Frieda friert. Es wird nicht besser. Frieda sucht verzweifelt Schutz. Sie stolpert. Sie weiß, sie muss irgendeinen Unterstand finden. Da, der rettende Wald! Ein paar niedrige Bäumchen, die sich gegen den eisigen Sturm stemmen. Vorerst einmal in Sicherheit. Die Kälte ist schneidend. Die Finger sind schon blau und schmerzen, trotz der dicken Fäustlinge. Frieda hat Angst. Wie aus dem Nichts erscheint plötzlich ein alter, knorriger Mann. Der Alte packt die junge zitternde Frau mitsamt ihren Sachen auf seinen Schlitten. Frieda ist so müde, dass sie einschläft und erst wieder aufwacht, als sie in einem Zelt liegt. In der Mitte brennt ein Feuer, auf dem eine Kanne Kaffee steht. Daneben dampft in einem Kessel Eintopf. „Ich bin Tor, ein Rentierzüchter. Sie sind hier sicher vor dem Sturm“ , sagt der Alte. Langsam kehrt das Gefühl in den Zehen und Fingern wieder zurück. Tor schenkt eine Tasse Kaffee ein und gibt Frieda eine Schale vom Eintopf. Noch ein Stück Holz auf das Lagerfeuer, damit es warm bleibt. Draußen heult der Wind mit unverminderter Kälte sein schauriges Lied. „Heute wird eine sehr kalte Nacht“, meint Tor noch. Das bekommt Frieda aber nicht mehr mit. Sie schläft schon. Viktoria schläft beinahe auch schon ein, will aber wissen, wie es weitergeht. Sie holt sich noch einen Kakao aus der Küche und setzt sich wieder zu ihrer Oma.

Die erzählt dann noch, wie sie am nächsten Morgen aufwacht. Der Sturm ist vorüber und die unendlichen Weiten des schwedischen Nordens liegen ruhig und friedlich da. Sie verbringt die nächsten Tage bei Tor und seinen Rentieren, denen sie in der Nacht zuvor wahrscheinlich ihr Leben zu verdanken hat. Sie unternehmen noch viele Ausflüge mit dem Rentierschlitten und Tor zeigt ihr die besten Plätze für weitere Aufnahmen. Er erzählt ihr alles, was er über die Polarlichter weiß, alles über seine Rentiere und das Überleben in den eisigen Polarnächten. Frieda beschließt, eines Tages wieder zu kommen. Ganz sicher, vielleicht mit ihrer Enkelin, die inzwischen eingeschlafen ist und wohl von Rentieren und Polarlichtern träumt. Frieda legt noch ein Scheit Holz nach, damit es warm bleibt.

Thomas Hennig ist Autor, Ghostwriter und Unternehmensberater.
Wenn er nicht gerade Geschichten über seine Großmutter bzw. Mutter in Personalunion als Oma Frieda schreibt, nimmt er sich gern Themen aus Wirtschaft, Finanz, Politik und der Lebensbetrachtung aus unterschiedlichen Blickwinkeln an.

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Foto: Daniel Willinger | dwphoto.at