
The Write Way Folge 34: Wenn Worte weh tun
Lisa: Herzlich willkommen zu unserer Folge vierunddreißig des The Write Way Podcasts. Heute sprechen wir darüber, wenn Worte wehtun. Genau. Und ich sage gleich zu Beginn etwas ganz Wichtiges: Die Folge ist nichts für nebenbei. Nichts, was man hört, während man eigentlich etwas ganz anderes tut. Es geht heute ganz tief dorthin, wo es ein bisschen unangenehm wird. Heute geht es um Texte, die wehtun können, beim Schreiben oder beim Lesen. Beides. Es geht um Biografien, um Schicksale, um Liebesgeschichten, die nicht nach Plan verlaufen sind. Um Sehnsucht, um Traurigkeit. Um Geschichten, die nicht ausgedacht sind, sondern echt. Um Dinge, die viele von uns erlebt haben. Todesfälle, Unfälle, Schicksalsschläge. Also kurz gesagt schlimme Sachen, die mithilfe eines Buches verarbeitet werden sollen oder die einfach geschrieben werden wollen, ohne Anspruch auf Veröffentlichung. Es geht um Texte und Bücher, bei denen man nach dem Lesen oder Schreiben kurz sitzen bleiben muss und tief durchatmen oder einfach weinen geht. Oder alles davon. Geschichten, die nicht einfach draußen sind und weg sind, sondern die in uns weiterarbeiten. In der Person, die sie erzählt, in der Person, die sie schreibt oder begleitet und in denen, die sie lesen.
Moni: Genau. Wir schauen uns auch an, was das heißt. Wie geht man als Buch oder Schreibbegleiterin mit so etwas um, ohne hart zu werden oder sich selbst dabei zu verlieren? Weil wir das natürlich auch aus unserer Erfahrung kennen. Das sind meistens die spannendsten Geschichten. Aber wir sind dann auch davon betroffen. Und vielleicht stellst du dir jetzt gerade die Frage: Wenn Worte wehtun, warum schreiben wir sie dann überhaupt auf? Wir haben eine Antwort. Weil die ungeschriebenen Worte sonst irgendwo stecken bleiben und erst recht wehtun. Und das ist meistens viel schlimmer.
Lisa: Du arbeitest ja viel mit solchen Texten. Was macht das mit dir?
Moni: Das fordert mich einerseits emotional, aber auch körperlich. Manche Geschichten setzen sich in mir fest, begleiten mich manchmal über Jahre und verändern mein Weltbild. Nicht immer zum Besseren, aber manchmal schon. Und manchmal kommt diese unglaubliche Dankbarkeit, dass ich Dinge nicht erleben musste und Gefühle nicht aushalten musste. Wobei das nicht ganz stimmt, weil ich als Empathin sehr viel von anderen Menschen mitbekomme. Vieles bleibt zumindest kurzfristig in mir sitzen.
Lisa: Ja, und manchmal bringst du es halt auch nach Hause.
Moni: Ja, leider. Und da brauche ich einen Weg, das nicht bei uns wohnen zu lassen.
Lisa: Wie macht man das professionell?
Moni: Professionell heißt für mich nicht, dass ich nichts fühle, sondern zu wissen, was ich mit dem Gefühl mache. Ich höre zu, ich schreibe, ich nehme es ernst und ich fühle mit. Aber ich versuche, es nicht zu übernehmen und mich nicht zu identifizieren.
Lisa: Das ist eine Grenze, die man immer wieder neu ziehen muss. Gerade bei Biografien ist das besonders heikel, weil dir da jemand sein echtes Leben und sein Vertrauen auf den Tisch legt. Und wenn das passiert, schulde ich der Geschichte und der Person Respekt und Verständnis. Das heißt nicht, dass ich alles gutheiße. Aber ich bewerte nicht. Das ist nicht mein Job. Es gibt keine Sensationslust, aber auch keine Schonung, die alles weichzeichnet. Man kann ehrlich sein, ohne brutal zu sein. Und mitfühlen, ohne mitzuleiden.
Moni: Abstumpfen ist keine Lösung. Das ist nur eine andere Form von Wegschauen. Was hilft dir, offen zu bleiben?
Lisa: Abstand. Rituale. Und bewusst wieder in mein eigenes Leben zurückgehen. Ich bade zum Beispiel gern mit Salz, lüfte, gehe spazieren, am liebsten in der Natur. Und manchmal umarme ich Bäume.
Moni: Redest du auch mit ihnen?
Lisa: Nein, aber mit dir.
Moni: Sehr gut. Also du gehst wieder raus aus der Geschichte.
Lisa: Ja. Und ich mache mir klar, warum ich das mache. Weil die Menschen gesehen werden wollen. Nicht bemitleidet, sondern verstanden.
Moni: Also bist du eine Übersetzerin für das Unsagbare.
Lisa: Aber nicht rund um die Uhr.
Moni: Was passiert, wenn es zu viel wird?
Lisa: Mein Körper zeigt es mir. Rückenschmerzen, Kopfweh, Verspannungen. Dann ziehe ich die Reißleine. Raus aus der Situation, raus in die Natur.
Moni: Das klingt klug, aber man muss es lernen.
Lisa: Absolut. Ich vergesse es auch immer wieder.
Moni: Ich arbeite viel mit Musik. Das hilft mir, wieder rauszukommen.
Lisa: Vielleicht sollte man sich vorher schon überlegen, wie man danach wieder rauskommt.
Moni: Das wäre schlau.
Lisa: Wie ist das bei deinen Kundinnen?
Moni: Die brauchen mehr als Technik.
Lisa: Ja. Aber ich bin keine Therapeutin. Ich höre zu, gebe Raum. Aber wenn es tiefer geht, verweise ich weiter. Das ist wichtig.
Moni: Vielleicht kannst du es zusammenfassen.
Lisa: Professionell bleiben heißt: mitfühlen und trotzdem bei sich bleiben. Respekt haben. Für andere und für sich selbst. Und sich nicht alles aufladen.
Moni: Und wenn es nicht geht?
Lisa: Dann Hilfe holen oder abgeben.
Moni: Texte dürfen fordern, aber nicht zerstören.
Lisa: Und das gilt auch fürs Lesen.
Moni: Wenn es zu viel wird, darf man abbrechen.
Lisa: Genau. Man muss sich dem nicht aussetzen.
Moni: Also, wenn Worte wehtun, brauchen sie einen guten Rahmen.
Lisa: Und Menschen, die achtsam damit umgehen.
Moni: Das gilt fürs Schreiben, fürs Lesen und fürs Leben.
Lisa: In diesem Sinne beenden wir diese Folge. Und nächstes Mal wird es wieder leichter.
Moni: Hoffentlich.
Lisa: Tschüss.


