Polly und das Universum
Lisa Keskin
Lisa Keskin
Polly liebt es, die winzigen zarten Hände in ihrem Gesicht zu spüren. Manchmal kitzelt es ein bisschen, wenn sie über ihre Wangen streicheln. Und manchmal zwickt es – zum Beispiel dann, wenn sie ihre Nase verdrehen. Aber meistens ist es einfach schön.
„Schau, so sitzt sie besser!“ Elena, etwas kleiner als sie selbst, kneift ein Auge zu und betrachtet sie kritisch. „Vielleicht noch ein Stückchen nach oben, oder?“ Sie greift beherzt zu und schiebt die Nase in die gewünschte Position.
Polly hätte jetzt gerne einen Spiegel, aber so etwas gibt es hier nicht. Nur der See, der gefroren in der Sonne schimmert, hat eine reflektierende Oberfläche, aber der Weg dorthin wäre für sie unüberwindbar. Sie spürt, wie ihre Haut mit jeder Berührung durch die Kinderhände im Sonnenschein immer glatter wird, perfekter.
Tony, Elenas Bruder, baut sich vor ihr auf und streckt seine Zunge raus, dann leckt er über ihre Hand. Fast bleibt seine Zunge an ihr kleben, aber nachdem es ein relativ warmer Tag ist, löst sie sich gerade noch, bevor es zu spät ist. Diesmal ist es gut ausgegangen, glücklicherweise. Sie hat schon öfter erlebt, dass durch verzweifelte Schreie alarmierte Eltern mit heißem Wasser Kinderzungen von ihr lösen mussten. Immer ist ein Teil von ihr weggeschmolzen, aber das war kein Problem. Sie kann leicht nachgebaut werden, so eine Zunge wächst leider nicht mehr nach, wenn sie einmal weg ist.
Die Kinder toben um sie herum, machen eine Schneeballschlacht, quietschen und lachen. Manchmal wird sie von einem Ball getroffen, und auch diese Kristalle fügen sich perfekt in ihre Oberfläche ein.
Langsam wird es dunkler, die Sonne zieht sich hinter die kleinen Einfamilienhäuser zurück, die hier Rücken an Rücken in die Landschaft geschmiegt sind. Und als schließlich der Mond am Horizont auftaucht, laufen die beiden Kleinen, die den ganzen Tag mit ihr verbracht haben, erschöpft, aufgedreht und kichernd zurück ins Haus. Zum Abschied winken sie ihr noch zu, und dann ist Polly allein. Wie gerne, tatsächlich für mein Leben gerne, denkt sie, würde ich mit den anderen reingehen. Die Nächte sind sehr einsam hier. Nur ab und zu kommt der alte Kater der Nachbarn vorbei und macht ihr seine Aufwartung. Kalt ist ihr nicht, die Kälte ist ihr Lebenselixier. Aber innendrin lässt die Einsamkeit sie frieren. Sie vermisst die Stimmen und die Anwesenheit der Kleinen, kaum, dass die weg sind.
Im Dunkeln, denkt sie, ist alles schlimm. Die Dämonen erwachen und flüstern dir schlimme Dinge ein. Sie raunen dir ins Ohr, dass du allein bist. Dass du nirgendwo hingehörst. Und dass du immer allein bleiben wirst.
Über diesen trüben Gedanken nickt sie ein, und im Schlaf läuft eine kleine Träne über ihre glatte, eisige Wange, bahnt sich ihren Weg über Pollys Hals, über ihren Brustkorb – und bleibt schließlich gefroren an ihrem Herzen liegen. Das Herz haben ihr die Kinder heute gegeben, gebastelt aus einem Stück Kohle. Sie ist nicht mehr als ein Symbol für etwas, das Polly nicht hat. Und dennoch ist sie so viel mehr. Sie ist … Liebe. Die Träne beginnt zu pulsieren, sobald sie das Herz berührt, leuchtet in allen Farben des Regenbogens und wandelt sich zum Kristall um. Und plötzlich hört Polly eine leise, aber hell klingende Stimme: „Du bist niemals allein. Das kannst du gar nicht sein, auch wenn es sich so anfühlt. Du bist immer bei dir. Alles, was du bist, alles, was ist, ist in jeder einzelnen deiner Schneeflocken, in jedem Kristall, enthalten. Und jede einzelne von uns stellt ein Muster der Unendlichkeit dar. Wir sind in uns selbst unzählige Male enthalten, dupliziert, vervielfacht. So wie bei jedem Lebewesen – auch, wenn den meisten nicht bewusst ist, dass sie die Unendlichkeit in sich tragen. Wir sind das Universum!“
Polly lächelt im Schlaf. Die Schneekristalle, die die Kinder mit ins Haus getragen haben, sind mit ihr verbunden. Auf diese Art ist sie immer bei den anderen. Und das wird sie auch sein, wenn schon lange der Frühlingswind die letzten Reste ihres Körpers weggeschmolzen hat und die Karotte, die ihr als Nase dient, von einem der kleinen Kaninchen, die hier frei herumlaufen, verputzt worden ist.
Polly entspannt sich, lässt ihr Bewusstsein schweifen – und sitzt plötzlich neben den Kindern beim Abendessen, sieht die funkelnden Lichter auf dem Baum, hört das Klirren der Gabeln auf den Tellern, fühlt die Liebe zwischen Eltern und Kindern, aber auch die Liebe, die diese beiden wunderbaren kleinen Seelen in sich tragen, für alles, was da ist. Auch für sie.

21. Dezember – Wollige Weihnachten