Lebkuchen, Limoncello & Liebeskummer
Monika Lexa
Monika Lexa
Ich sitze auf der Couch, starre in den Fernseher – irgendeine Reality-TV-Sendung oder, wie meine Freundin Conny es nennt, Trash TV. Nackte Menschen, halbnackte Menschen, die sich alle irgendwie seltsam aufführen, so als wären sie Teenager, dabei sind sie alle mindestens Mitte 20 oder älter. Sie buhlen umeinander und haben dabei die blödesten und derbsten Sprüche drauf, die man sich nur vorstellen kann.
Ich seufze. Es ist der 24.12. und ich sitz da allein auf der Couch und gebe mir diesen Mist. Also, ganz allein bin ich ja nicht. Um mich herum liegen drei Stück Fellnasen: Bärli, Kokomo und Felix. Und irgendwo rennt noch dieses renitente kleine Haserl namens Charlie herum.
Woher kenn ich Conny eigentlich? Es will mir gerade nicht einfallen. Ich seufze noch einmal und stopf mir einen Schokolebkuchen in den Mund. Gleich den ganzen, weil’s eh wurscht ist, sieht ja keiner. Bärli reckt sich neben mir und streckt sich, steht auf und stupst mich an. Zuerst liebevoll und, als ich nicht gleich reagiere, ein wenig vehementer. Wie jetzt? Stört dich, dass ich mir den Lebkuchen reinstopf wie eine Verhungernde? Bärlis Stupsen wird noch vehementer, bis es fast schon brutal ist. Ah so, der will was zu essen, eh klar.
Ich schlurfe in die Küche und bin – so schnell kann ich gar nicht schauen – umgeben von drei herzzerreißend brüllenden Fellnasen. Ah, und die vierte – das renitente Haserl – kommt auch schon ums Eck gehoppelt. Ja klar, es gibt natürlich eine Karotte. Halt, nein, das ist mein Finger! Mistviech. Wenn ich nicht schnell genug bin, beißt Charlie grundsätzlich in meinen Finger. Vielleicht ist sie aber auch halbblind und glaubt, das wär schon die Karotte.
Während sich die vier ihre Bäuchlein vollschlagen, breche ich wieder auf der Couch zusammen und stopf mir noch einen Lebkuchen in den Mund. Was für ein Leben! Mitte 40, frustriert, vollkommen verfressen, mit einem Job, der mich irgendwann ins Grab bringt … und morgen werde ich wieder allein beim Familien-Weihnachtsfest auftauchen.
„Du hättest es auch anders haben können“, meldet sich eine nervige Stimme in meinem Kopf. Die kenn ich schon. Das ist die, die mir immer einreden will, dass ich einen Fehler gemacht habe. „Du hättest mehr um die Beziehung kämpfen können!“, „Du hättest sie nicht verlassen sollen!“ usw. und so fort. Manchmal meine ich, dass sie recht hat. Weil … sie fehlt mir. Also nicht die dämliche Stimme, sondern sie. Dieses blonde, blauäuige Ding namens Lisa, das vor vielen Jahren in mein Leben getreten ist. An die ich mein Herz verloren hab. Mit der ich gestritten hab wie noch nie mit jemand anderem, so richtig auf Teufel komm raus und so. Die mir die letzten Nerven geraubt hat und ich ihr. Die genauso nervig war wie die Stimme in meinem Kopf, die mir immer wieder erklärt, dass ich sie nicht hätte gehen lassen sollen. Dass sie die Liebe meines Lebens war. Dass ich nie mehr jemanden finden werde, der so ist wie sie.
Da kommt die andere Stimme ins Spiel. Die, die sagt: „Ich hoffe, wir finden nie wieder jemanden wie sie.“ Die, die auch genervt klingt, aber nicht, weil Lisa nicht mehr da ist, sondern weil ich immer noch an sie denke. Und sie vermisse. Und mich selbst frag, warum ich eigentlich so dämlich war, nicht mehr um diese Beziehung zu kämpfen. Manchmal frag ich mich das nämlich selbst – immer dann, wenn Stimme 2 grad die Klappe hält.
Die vier Fellviecher sind vom Futtern zurückgekehrt und lassen sich wieder auf der Couch nieder. Fressen, schlafen, sich streicheln lassen … so ist das Leben meiner Katzen. Charlie, Kokomo und Felix gehören eigentlich Lisa. Das Bärli kam später zu uns … wobei ich mich grad frag, wie sich das vom Timing her alles eigentlich ausgeht. Verwirrt mich ein bisschen, aber was soll’s. Ich hab nicht mehr alle Tassen im Schrank, also kann es durchaus sein, dass ich meine eigene Timeline nicht mehr auf dem Schirm hab.
„Hör endlich auf, an sie zu denken“, herrscht mich Stimme 2 an. „Ihr habt nicht zusammengepasst. Du hättest auf sie hören sollen. Dann hättest du nicht dein Herz an sie verloren.“
Klappe, denk ich mir und „Klappe!“, herrscht Stimme 1 Stimme 2 an. „Wir waren füreinander bestimmt. Und wären wir nur ein bisschen geduldiger gewesen, ein bisschen reflektierter, ein bisschen offener, dann wären wir noch immer zusammen.“
„Schwachsinn“, zetert Stimme 2. „Die sind unterschiedlich bis in die Unendlichkeit. Die passen nicht zusammen.“
Stimme 1 seufzt. Sie hört sich echt an wie ich. „Wir haben der Beziehung nicht wirklich eine Chance gegeben. Das ist unser Fehler.“
Am Bildschirm hüpfen ein paar halbnackte Mädls herum und ich seufze erneut. Wer schaut sich sowas eigentlich an? Also, außer die frustrierten Singles in meinem Alter? Ich begebe mich auf die Suche nach etwas anderem. Was ich finde? Weihnachtsfilme en masse – eh klar, aber das druck ich jetzt ja gar nicht durch. Liebeskomödien – ernsthaft? Liebesdramen – auch nicht besser. Ich bleibe bei einem Horrorfilm hängen … allerdings nur so lange, bis die Protagonistin den Mörder küsst – natürlich ohne zu wissen, dass er der Mörder ist. Also ist auch der Film für mich gestorben. Nicht, weil sie den Mörder küsst, das macht’s ja amüsant. Sondern, weil die sich überhaupt küssen. Und glücklich sind, wenn auch nur kurz. Glücklichsein gehört einfach verboten.
Vielleicht sollte ich an meinem Projekt weiterarbeiten? Das Buch muss ja irgendwann fertig werden. Nein, nicht mein Buch, das einer Kundin. Moment mal, ich hab doch diesen blöden Job mit den Kurzmeldungen … wieso schreib ich jetzt ein Buch?
Bevor ich eine Antwort auf die Frage finden kann, stupsen mich die Fellviecher an. Alle auf einmal. Und alle an der gleichen Stelle. Wie geht das jetzt bitte? Die müssten sich doch gegenseitig im Weg sein. Aber nein, da sitzen sie vor mir und stupsen mich in den Oberarm. Außer Charlie, die streicht mir über die Wange. Die ist echt ein seltsames Haserl. Und irgendwie ist das Stupsen der Katzen plötzlich auch mehr ein Streicheln. Was die alles können neuerdings!
Ich schüttle den Kopf und wende mich wieder dem Fernseher zu. Kaffee, ich rieche Kaffee. Habe ich Kaffee gemacht und vergessen? Während ich darüber sinniere und die Felltiere mich weiter streicheln, hör ich Kokomo sagen: „Hasi, Kaffee ist fertig.“
Wie bitte? Die hat Kaffee für Charlie gemacht? Ich glaub, ich hätte weniger von dem Limoncello trinken sollen.
„Hasi …“, hör ich wieder.
„Charlie“, murmle ich, plötzlich sehr schläfrig. „Kokomo hat Kaffee für dich gemacht. Aber vielleicht sollte ich ihn trinken, ich bin so müde.“
Da hör ich wen kichern. Felix? Bärli? Können Katzen kichern? Sie können auf jeden Fall streicheln, denn das tun sie noch immer. Ich dreh mich weg, ich will gerade nur schlafen und zieh mir die Decke über den Kopf. Woher hab ich eigentlich eine Decke? Die war grad vorhin noch nicht da.
„Hasi“, hör ich wieder.
„Bitte, Charlie, gib ihr endlich eine Antwort“, brumme ich und gähne.
Erneutes Kichern. Jetzt reicht’s aber. Ich reiße meine Augen auf, die ich gerade geschlossen habe – ich bin ja so müde! – und schau unter der Decke hervor. Wo sind sie alle, diese kleinen, miesen Viecher? Blaue Augen schauen mich strahlend an … die gehören weder den Katzen noch dem Haserl. Von denen ist auch weit und breit nix zu sehen. Aber zu den strahlend blauen Augen gehört ein ebenso strahlendes Gesicht und ein Mund mit hochgezogenen Mundwinkeln, aus dem ein „Guten Morgen, Süße!“ kommt. Hä?
Die Hand auf meiner Wange ist übrigens auch weder die Pfote einer Katze noch die eines Haserls. Es ist eben eine Hand, eine warme, weiche Hand, die mir sanft über die Wange streichelt und die nicht nur Wärme und Geborgenheit ausstrahlt, sondern etwas Bekanntes. Etwas Gewohntes, aber das gute Gewohnte – das, das man einfach nicht mehr missen mag, das einem die Geborgenheit gibt. Das, was zu Hause ist.
Ich starre in die blauen Augen und plötzlich bin ich putzmunter. „Lisa!“, brüll ich und fall ihr um den Hals. Was macht sie da? Wieso ist sie zurück? Oder … war sie nie weg?
Sie lacht. „Achtung, ich hab deinen Kaffee hier.“ Sie hält mir die Kaffeetasse unter die Nase. Dann fragt sie: „Sag bloß, du hast mich vergessen? Ich war doch nur eine Nacht weg!“
Ich kenn mich nicht mehr aus. Eine Nacht? Wohl eher ein paar Jahre.
„Wo sind … die … ?“, beginne ich.
Sie schaut mich skeptisch an. „Die Katzen? Und Charlie? Du hast im Schlaf mit ihnen geredet. Ach Süße, ich vermisse sie auch.“ Sie knuddelt mich. Dann küsst sie mich auf die Wange. „Ich bin so froh, dass ich dich hab. Da wird sogar die Trauer leichter.“ Sie seufzt. „Kaffee im Bett oder doch im Wohnzimmer? So wie du aussiehst, schüttest du den Kaffee sicher aus.“
„Wohnzimmer“, murmele ich.
Lisa geht vor, ich quäle mich aus dem Bett und wanke ins Wohnzimmer, setze mich auf die Couch, auf der ich gerade noch gesessen bin – ich weiß ja noch immer nicht, wieso ich plötzlich im Bett war –, und schlürfe meinen Kaffee.
„Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe“, sagt Lisa neben mir. „Aber wir treffen uns gleich mit den Mädls. Conny hat schon geschrieben.“
In meinem Kopf meldet sich erneut Stimme 1 zu Wort: „Vielleicht haben wir doch alles richtig gemacht.“
Plötzlich ist die gar nicht mehr so nervig. Stimme 2 bleibt stumm. Lisa strahlt mich an. Und ich? Ich finde, der schönste Moment jeden Tag ist, aufzuwachen und mich daran zu erinnern, dass sie da ist.

16. Dezember – Schwester Frieda und das Weihnachtswunder