
The Write Way Podcast Folge 18: Schreiben für alle Sinne
Willkommen zur achtzehnten Folge unseres Podcasts. Heute geht es ums Schreiben für alle Sinne. Also darum, was unsere Sinne beim Lesen mit uns machen und warum wir sie beim Schreiben unbedingt mitdenken sollten.
Es gibt Bücher, ganz egal ob Sachbuch, Belletristik oder etwas anderes, die ziehen uns von der ersten Seite an in ihren Bann. Und andere, obwohl sie eigentlich gut geschrieben sind, lassen uns völlig kalt. Keine Sogwirkung. Nichts.
Woran liegt das?
Natürlich am Inhalt. Natürlich am Schreibstil. Aber auch daran, wie gut wir als Leser:innen abgeholt werden. Und eine der wirkungsvollsten Möglichkeiten dafür ist das Schreiben für alle Sinne.
Welche Sinne sind das überhaupt?
Wir lassen den sechsten Sinn heute einmal weg und bleiben bei den klassischen fünf.
Visuell. Alles, was mit Sehen zu tun hat.
Auditiv. Hören und Sprechen.
Kinästhetisch. Fühlen, Spüren, Bewegung, Handeln, auch Emotionen.
Olfaktorisch. Riechen.
Gustatorisch. Schmecken.
Wer gut aufgepasst hat, kennt vielleicht die Abkürzung aus den Anfangsbuchstaben: VAKOG. Das funktioniert übrigens nur dann gut, wenn man gleichzeitig auditiv und visuell ist, weil man es hören und im Kopf sehen kann.
Wenn wir etwas erleben oder wahrnehmen, passiert das immer über diese Sinneskanäle. Erinnerungen, Stichwort emotionales Gedächtnis, werden genau dort gespeichert. Erlebnisse bestehen aus einer Mischung aus Bildern, Geräuschen, Gefühlen, Gerüchen und Geschmäckern.
Sind diese Sinne bei allen Menschen gleich ausgeprägt?
Wir nutzen grundsätzlich alle Sinneskanäle. Aber meistens gibt es ein oder zwei, die stärker ausgeprägt sind. Das kann auch vom Kontext abhängen.
Ich zum Beispiel lese Bücher lieber, als dass ich sie höre. Bei Hörbüchern schlafe ich ein. Musik hingegen höre ich sehr gern, das ist für mich Freizeit. Wenn ich mir etwas merken muss, funktioniert Hören gar nicht. Dann brauche ich Text. Ich brauche Untertitel bei Videos. Und ich muss mitschreiben. Ich bin visuell und kinästhetisch.
Wie ist das bei dir?
Bei mir ist es anders. Hörbücher sind okay, aber nur, wenn meine Hände beschäftigt sind. Stricken, gehen, irgendwas tun. Achtung, jetzt kommt das böse Wort: am Handy spielen. Drachen töten, Kugeln zerplatzen lassen, was auch immer. Das funktioniert in Kombination mit Hörbuch super.
Beim Lernen ist es bei mir so, dass Zuhören plus irgendwas Kritzeliges vor mir funktioniert, auch wenn das in Kursen manchmal missverstanden wird. Ich bin eindeutig auditiv und kinästhetisch.
Genau. Und das Spannende ist: Man kann Sinnespräferenzen auch an der Sprache erkennen. Ich sage sehr oft Dinge wie „Schau dir das an“ oder „Das ist doch offensichtlich“, auch wenn es gar nichts zu sehen gibt.
Im Mentaltraining höre ich ständig Sätze wie „Ich muss das spüren“ oder „Ich kann das nicht greifen“. Sprache verrät sehr viel darüber, welche Sinne bei jemandem dominant sind.
Und wir fühlen uns besonders gut abgeholt, wenn unser Gegenüber dieselbe Sinnessprache spricht wie wir.
Fun Fact: Moni sagt übrigens Dinge wie „Schau, wie das riecht“ oder „Schau, die Musik ist gut“.
Stimmt.
Was bedeutet das jetzt fürs Schreiben und für Bücher?
Ganz wichtig: Es heißt nicht, dass alle Leser:innen automatisch visuell sind, nur weil sie lesen. Ich lese innerlich mit. Dadurch bin ich wieder in meiner auditiv kinästhetischen Welt und merke sofort, wenn ein Text holpert. Berufskrankheit.
Aber die Sinne lassen sich ganz bewusst einsetzen. Nicht nur beim Format, also Buch oder Hörbuch, sondern beim Schreiben selbst.
Ich lese euch eine kurze Szene vor.
Sie saßen am Meer und genossen das sanfte Meeresrauschen. Durch die leichte Brise war es nicht mehr so heiß wie tagsüber. Auf ihren bequemen Polstersesseln sahen sie die Sonne blutrot im Meer untergehen. Allein diese Kulisse ließ den Fruchtcocktail noch besser schmecken. Endlich kam auch das Essen, frisch zubereitet und herrlich duftend.
Was ist hier alles drin?
Sehen. Hören. Schmecken. Fühlen. Riechen.
Nicht jede Person nimmt alles gleich stark wahr. Manche sehen sofort den Sonnenuntergang, andere spüren die Brise, andere schmecken den Cocktail oder riechen das Essen. Und genau das ist der Punkt.
Was heißt das für uns als Autor:innen?
Es heißt nicht, dass wir immer alle Sinne einbauen müssen. Aber es ist hilfreich zu wissen, welche Sinne bei uns selbst dominant sind. Sonst bedienen wir immer nur dieselben Kanäle und die anderen bleiben Stiefkinder.
Die Kunst liegt darin, nicht nur in den eigenen Sinneskanälen zu bleiben, sondern immer wieder auch andere anzusprechen. Das macht Texte lebendiger.
Ein Negativbeispiel, sorry dafür, ist eine Cosy Crime-Serie, die ich als Einschlafhilfe höre. Extrem visuell. Alle beobachten ständig irgendwen. Aber riechen, schmecken, fühlen? Fehlanzeige. Selbst für mich als visuelle Person ist das irgendwann unerträglich.
Das ist kein Bashing. Ich schlafe hervorragend dabei. Aber es zeigt, dass es besser geht.
Ein weiteres Beispiel.
Deine Protagonistin sieht jemanden, der ihr gefällt.
Du könntest schreiben:
„Ihr fielen die Augen aus dem Kopf.“ Visuell und kinästhetisch.
Oder: „Sie hörte die Engel singen.“ Auditiv.
Oder: „Sie hatte Schmetterlinge im Bauch.“ Kinästhetisch.
Oder: „Liebe lag in der Luft.“ Kinästhetisch, vielleicht auch olfaktorisch.
Oder: „Der ist ganz nach meinem Geschmack.“ Gustatorisch.
Oder: „Der geht mir gut unter die Nase.“ Olfaktorisch.
Oder: „Der würde perfekt zu meiner Bettwäsche passen.“ Visuell.
Gleiche Situation. Andere Sinneskanäle.
Und wie gehe ich jetzt praktisch damit um?Ganz wichtig: Beim Schreiben selbst denkst du an gar nichts davon. Du schreibst einfach. Erst in der Überarbeitung schaust du dir an, welche Sinne schon drin sind, wo vielleicht zu viel ist und wo man noch etwas ergänzen könnte. Mit Maß und Ziel. Nicht auf Biegen und Brechen.
Zusammenfassung:
Es ist wichtig zu wissen, welche Sinne bei dir stärker ausgeprägt sind.
Es ist hilfreich, beim Schreiben alle Sinne mitzudenken, um Leser:innen besser abzuholen.
Aber bitte nicht alles gleichzeitig und nicht permanent.
Und bitte erst beim Überarbeiten, nicht beim ersten Schreiben.
In diesem Sinne: auf ein sinnliches Schreiben!
Bis zum nächsten Mal.



