Der Traum vom Frieden
Susanne Oberegger
Susanne Oberegger
Sofia schreckt hoch. Ist sie doch tatsächlich wieder eingeschlafen. Jedes Jahr nimmt sie sich vor, wachzubleiben und die TV-Übertragung des Weihnachtsgottesdienstes aus der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale bis zum Ende anzuschauen. Schon als ihr Mann noch gelebt hat, haben sie es kein einziges Mal bis zum Ende geschafft. Damals sind sie eben zu zweit eingeschlafen.
„Ist ja wirklich zu einer unpraktischen Zeit“, denkt Sofia und rappelt sich auf. Fängt erst um dreiundzwanzig Uhr an und dauert ganze drei Stunden. Und das am 6. Jänner, wenn jede Hausfrau früh aufsteht, auf den Markt geht und das Weihnachtsessen für „Sochelnik“, den Heiligen Abend, vorbereitet. Und man muss viel Essen vorbereiten, denn die Familie ist hungrig nach der langen Fastenzeit. Vierzig Tage lang gab es kein Fleisch und keine Süßigkeiten.
„Wer sich diese komische Tradition wohl ausgedacht hat?“, fragt sich Sofia, während sie zur Fernbedienung greift. Gerade, als sie den Fernseher ausschalten will, schwenkt die Kamera zum Präsidenten. Sie hält inne und sieht zu, wie der Präsident lächelt und winkt, während er feierlich aus der Kirche schreitet. Der russische Präsident. Allgegenwärtig in ihrer Heimat. Sofia erlaubt sich nicht, schlecht über ihn zu denken. Man muss vorsichtig sein, was man denkt. Überhaupt sie, deren Bruder in der Ukraine lebt. „Ach, Michail, lieber Bruder, erinnerst du dich noch an den alten Schulbrauch? Als wir Kinder uns am Silvestertag als Fuchs und Hase verkleideten? Wir wollten beide der Fuchs sein und haben tagelang darum gestritten. Am Ende hast du immer gewonnen und ich war jedes Jahr der Hase. Dann wolltest du das Kostüm bis zum Abend nicht mehr ausziehen und so hat Väterchen Frost am 31. Dezember seine Geschenke einem kleinen Fuchs überreicht. Ach, Michail“, denkt Sofia, während sie dem Präsidenten beim Winken zusieht, „wird das Telefonat mit dir heute wohl zustande kommen?“ Das letzte Gespräch fand im Juli statt und Sofia erinnert sich, dass sie am Ende wieder stritten. Die Familie von Michails Frau sind Ukrainer und auch er lebt schon lange in Kiew. Jedes Mal, wenn Sofia beispielsweise über die Kinder reden will, oder wissen will, wie es allen geht, fängt er wieder mit dem gleichen Thema an. Sagt, die russische Regierung greift die Ukraine an. Sofia will nicht über Politik reden. Davon versteht sie nichts und davon will sie nichts wissen. Der Präsident sagt außerdem was anderes und sie muss glauben, was der Präsident sagt. Es ist sicherer so. Vor allem, ist es sicherer für Dimitri. Allein beim Gedanken an Dimitri schnürt es ihr die Kehle zu und ihr kommen die Tränen. Energisch dreht Sofia den Fernseher ab. Sie muss jetzt noch ein paar Stunden schlafen, ehe die Verwandten kommen. Sie will jetzt nicht an Dimitri denken, sonst macht sie kein Auge zu.
Knapp vor sechs ist es vorbei mit schlafen. Die fünfjährige Anna wirbelt durchs Haus und ruft „Jolka, Jolka“ – „Weihnachtsbaum, Weihnachtsbaum“. Sofias erster Gedanke ist: „Hoffentlich wirft ihn die Enkelin nicht um, wild wie sie ist.“ Seit Annas Vater im Sarg von der Front zurückkam, lebt ihre Tochter Ekatarina mit der Kleinen in Sofias Haus. Eigentlich müssten sie das nicht, denn die Entschädigung, die der Präsident mit dem Sarg und dem glänzenden Orden mitgeschickt hatte, war beträchtlich. Ein wunderschönes Schreiben war ebenfalls dabei, in dem der Präsident persönlich sein Beileid bekundete. Er bat in dem Brief höflich darum, niemandem zu sagen, woher der Tote kam und dass aufgrund eines Raketeneinschlages nur Teile des Mannes im Sarg lagen. Sofia findet das verständlich, schließlich sollen die Leute keine Angst bekommen vor den feigen Faschisten, die Russland bedrohen. Wer diese Faschisten sein sollen, hat sie nicht hinterfragt. Sofia versteht nichts von Politik. Ekatarina war bald darauf mit mehreren anderen Witwen und Müttern von gefallenen Soldaten beim Präsidenten eingeladen und durfte mit ihm an einem Tisch sitzen. Mit dem Präsidenten persönlich! Sofia war so stolz auf ihre Tochter. Leider hat Ekatarina über dieses Treffen bis heute kein Wort gesprochen. Dabei hätte Sofia so gerne erfahren, wie er denn in echt so ist, der Präsident. Eine teures Rührgerät hat Ekatarina dort auch überreicht bekommen. Aber zu Sofias Entsetzen hat ihre Tochter das Gerät zu Silvester verschenkt.
„Komm’, Anna, zieh’ dich an, wir gehen zur Messe!“, ruft Sofia ihrer Enkelin zu.
„Au ja und danach gibt es Kutja, nicht wahr, Babuschka?“
Ein scharfer Schmerz durchschneidet Sofias Herz beim Namen des traditionellen Breigerichtes, welches das große Weihnachtsessen eröffnet. Ihr Sohn Dimitri war schon als Kind ganz wild darauf. Auf nichts freute er sich so sehr wie auf Kutja. Ganz ungeduldig war er während der Frühmesse und betete deshalb nie brav mit. Sofia muss nun doch lächeln bei dem Gedanken. Dimitri. Er wurde Anfang Februar von einer Minute auf die andere einberufen. Konnte nur schnell ein paar Sachen zusammenpacken und noch am selben Tag holten sie ihn ab. Sofia bekam die Information, dass die Einberufung lediglich drei Monate dauern würde. Anfangs schrieb Dimitri noch Nachrichten und ab und zu rief er auch an. Aber seit siebenundneunzig Tagen hatte Sofia kein Wort mehr gelesen oder gehört von ihrem Sohn. Sie hatte seither mehrmals im Ministerium nachgefragt, aber man hatte ihr jedes Mal dieselbe Antwort gegeben. Sie solle stolz auf ihren Sohn sein, denn er verteidige das Land vor faschistischen Aggressoren. Sie sagten, er sei ein Held Russlands. Sofia weiß nicht, ob sie stolz sein will. Sie will nur, dass ihr Dimitri heil nach Hause kommt.
Gerade, als Sofia und Anna das Haus verlassen wollen, läutet das Telefon. Sofias Herz macht einen Freudensprung. „Oh, wie schön, dich zu hören, Michail, was für eine Freude!“ Tränen kullern Sofia über die Wangen, als sie die Stimme ihres Bruders hört. Die Verbindung ist schlecht, aber sie hört trotzdem, dass auch seine Stimme belegt ist. Sie erzählen sich gegenseitig von den weihnachtlichen Feierlichkeiten, von den Kindern und was sie heute noch vorhaben. Plötzlich schluchzt Michail auf. „Ich habe letzte Nacht geträumt, dass wir alle zusammen am Weihnachtstisch saßen, so wie früher. Sofia, ihr fehlt mir alle fürchterlich und mich kotzt dieser Krieg so an.“ Sofia erschrickt, weil er das verbotene Wort sagt. Aber mit einem Mal weiß sie, dass sie genauso fühlt wie er. Sie sagt: „Michail, ich habe denselben Traum. Und du wirst sehen, eines Tages wird er Wirklichkeit. Pass’ bitte auf dich und die Familie gut auf, hörst du? Ja tebjá ljublju´, ich liebe dich. Fröhliche Weihnachten, mein Bruder.“ Dann legt sie weinend auf.
Noch schwer ums Herz putzt sich Sofia die Nase und eilt anschließend mit Anna zur Kirche.
„Babuschka, warum kommt Mama nicht mit?“
„Die Mama muss schon in der Küche mit der Arbeit beginnen, wir wollen doch heute Kutja essen, nicht wahr?“
„Au ja, Babuschka. So geh’ doch schneller, damit wir schneller mit der Messe fertig sind.“
Sofia ist froh, dass die Kleine noch nicht versteht, was der wahre Grund dafür ist, warum Ekatarina nicht mitkommt. Seit dem Tod ihres Mannes betritt sie keine Kirche mehr.
„Ich will mit diesem Gott nicht mehr reden“, sagt sie, wenn man sie danach fragt.
„Was für ein großes Glück, dass wir Anna haben“, denkt Sofia, „sie macht uns allen so viel Freude mit ihrer fröhlich-kindlichen Art.“ Auch während der Frühmesse muss sich Sofia das Lachen verkneifen. Das Kind singt so laut mit, dass sich alle zu ihnen umdrehen. Und jeder muss schmunzeln, der das innbrünstig singende Kind sieht.
Kaum ist die Messe zu Ende, fällt Anna wieder der Weihnachtsbrei ein und sie zerrt ungeduldig an Sofias Hand.
„Komm’, Babuschka, ich habe Hunger, wir müssen Kutja essen gehen.“
„Du musst dich noch ein bisschen gedulden, bis alle da sind, wir können doch nicht ohne Tante Olga und Onkel Aleksei oder deine beiden Freundinnen Ivanka und Nadja anfangen, oder?“
Als sie die Tür zum Haus öffnen, sind die meisten Gäste schon da, das erste Gläschen Wodka macht die Runde und selbst Ekatarina sieht ein bisschen fröhlicher aus als sonst.
„Um Himmels willen, jetzt muss ich mich aber beeilen mit dem Kochen“, sagt Sofia und hastet in die Küche. Und dann ist er fertig, der traditionelle Weihnachtsbrei aus Getreide, Honig, Nüssen und Rosinen. Feierlich trägt Sofia die Schüssel mit dem dampfenden Inhalt ins Esszimmer, wo bereits alle um den Tisch versammelt sitzen. Richtigerweise hätte Kutja schon am Vorabend serviert gehört, aber in Sofias Familie sparte man sich diesen Höhepunkt immer bis zum 7. Jänner auf. Gerade als alle freudig den Löffel in die Hand nehmen, läutet es an der Tür. Sofia überlegt, wer noch fehlen könnte. Ach ja, fällt es ihr ein, es wird die Nachbarin sein. Sie hatte sie gestern am Markt spontan eingeladen. So öffnet Sofia die Tür, in der Erwartung, die alte Frau zu sehen. Doch wen sie tatsächlich sieht, lässt ihr den Löffel aus der Hand fallen. Verwaschene, saubere Uniform, die eine Hand auf einen Stock gestützt, die andere Hand in einer Schlinge, steht ein russischer Soldat vor Sofia.
„Komme ich noch rechtzeitig zu Kutja, Mama?“
„Aber ja, Dimitri, aber ja. Du kommst ja so rechtzeitig.“
Sie fällt ihrem Sohn schluchzend um den Hals und tausend Steine fallen ihr vom Herzen. Und es ist ihr vollkommen egal, ob er ein Held Russlands ist.
Susanne Maria Albrecht ist Teil der „The Write Way“- Autor:innen, Mitarbeiterin der Wiener Stadtwerke und glücklich verheiratet mit einem Steirer.
