Von der ganzen Welt umarmt
Barbara Miklosch
Barbara Miklosch
Es war das dritte Weihnachtsfest seit Beginn des 3. Weltkrieges. Dieser Krieg tobte seit März 2030 und es schien noch lange kein Ende in Sicht. Fünf Jahre zuvor hätte sich noch niemand träumen lassen, dass die Welt zehn Entwicklungsschritte zurück machen würde und dennoch kam es genauso.
Barnine blickte verträumt aus dem Fenster und beobachtete die dicken, flauschigen Schneeflocken die stetig vom Himmel tanzten. >> Ein bisschen Frieden <<, sang sie leise vor sich hin und erfreute sich an jedem einzelnen Schneeflockentanz. Seit vier Tagen gab es keinen Bombenalarm mehr und Barnine hoffte inständig, dass dies bis nach Neujahr so bleiben würde. Jeder Mensch auf Erden hatte es verdient, an den Feiertagen zumindest die Illusion von Frieden und Besinnlichkeit zu erleben.
Davor, also vor dem Ausbruch des dritten Weltkrieges, war Barnine Inhaberin einer gut gehenden Werbeagentur gewesen. Ihre Fantasie und ihre außergewöhnliche Vorstellungskraft waren schon in ihren frühen Kindertagen ausgeprägt und enorm. Als kleines Mädchen konnte sie durch ihre Geschichten Bilder in die Köpfe anderer zaubern und Märchen real werden lassen. Eine Gabe, die sie offenbar von ihrer Großmutter geerbt hatte. So wie die Magie. Leider hatte es ihre Großmutter verabsäumt, ihrer Enkelin ihre Gaben zu erklären und ihr zu zeigen, wie man damit umzugehen hatte. Damals brauchte man die Magie auch nicht. Im Gegenteil, oft wurde sie als Esoteriktussi oder Scharmanenbraut bezeichnet, wenn sie als junge Erwachsene ihre Emotionen nicht unter Kontrolle hatte und ungewollt und völlig unkontrolliert ihre Magie wirkte. Dabei waren das im Gegensatz zu „Gestörte“, „Durchgeknallte“ und „Wahnsinnige“ noch die harmloseren Bezeichnungen. Ihre Großmutter starb, als sie zehn war, und bei der Beerdigung passierte Barnine ihr erstes magisches Malheur.
Nachdem sie ihre allerletzte Verwandte zu Grabe getragen hatte, erlitt die damals Zehnjährige einen Nervenzusammenbruch. Noch am selben Tag wies man sie in die psychiatrische Klinik ein, wo sie nicht nur düstere Träume in die Köpfe der anderen Patienten pflanzte, sondern auch ihre Traumgestalten, meistens grässliche Monster, zum Leben erweckte und in der Klinik herumlaufen ließ. Nichts davon geschah bewusst, und dennoch spürte Barnine, dass sie der Auslöser dieser ungewöhnlichen Geschehnisse war. Erst in ihren Zwanzigern begann die junge Frau, sich mit ihrer Gabe zu beschäftigen. Durch ihre Recherchen lernte sie, was sie war und dass sie nicht alleine damit war. Es stellte sich heraus, dass es noch viele andere Dreama gab. Das war sie, eine Dreama. Fähig, Menschen (Tag-)Träume jeglicher Art in den Kopf zu pflanzen, deren schlimmste Ängste zu triggern, aber auch ihre größten Hoffnungen und Träume, zumindest für eine Zeit, real werden zu lassen. Und dann war da noch die Gabe, ihre eigenen Träume real werden zu lassen, nicht nur die Gestalten und Figuren, nein sie konnte einfach alles herbeiträumen, wonach ihr der Sinn stand. Nach und nach lernte sie, mit der Gabe umzugehen und sie sinnvoll einzusetzen. Zugegeben, als sie sich selbstständig machte, nutze sie sie, um ihren Kunden eine Vorstellung der fertigen Marketingkampagne zu vermitteln und natürlich baute sie diese Vision stets mit einer gewinnbringenden Prognose aus, damit sie den Auftrag auch wirklich erhielt. Nie gab es Beschwerden, ihre Kunden liebten Barnine und das Geschäft lief viele Jahre wirklich gut.
Nur brauchte man im Krieg keine Werbestrategien mehr, Marketing war unnötig, zumindest im Unternehmerkontext. Mit der manipulativen Propaganda, die an das Volk verbreitet wurde, wollte Barnine nichts zu tun haben. Und so entwickelte sich Barnines heutiger Job: Traumhelferin. Mittlerweile bezahlten Menschen ihr ein wenig Geld dafür, dass sie ihnen positive Träume verschaffte und ihnen eine Zeitlang den Seelenfrieden schenkte, den so viele schon so dringend herbeisehnten. Auch Tauschgeschäfte hatte die junge Frau nie abgelehnt, mal gab es einen Laib Brot, mal ein Huhn oder einen Teil von einem Wildschwein. Ganz selten buk ihr Frau Meierle, vom zerbombten Haus gegenüber, einen Kuchen oder zur Weihnachtszeit eben Kekse.
Einen solchen Keks schob sich Barnine gerade gedankenverloren in den Mund, schloss die Augen und genoss den zimtigen Geschmack nach Kindheit. In diesem Moment war ihre Großmutter gedanklich so präsent, dass sie ihr in ihrer Traumwelt begegnete und sich mit ihr über ihre Sorgen, ihre Träume und ihre Magie unterhielt. Und auch wenn Barnine ganz genau wusste, dass sie sich nicht wirklich mit ihrer Großmutter unterhielt, sondern selbst bestimmte, was ihre Oma zu ihr sagte, wie sie sich verhielt und wie sie sich bewegte, war es tröstlich für die junge Frau, sich einmal weniger einsam und alleine zu fühlen. Seelenfrieden, das war das Wort, dass ihr in solchen Momenten im Kopf herumschwirrte. Und genau das war es, was sie ihren Klienten und Klientinnen ermöglichen wollte in diesen schweren Zeiten.
Einige Zeit hielt sie den Tagtraum ihrer Großmutter am Leben. Es war der Heilige Abend und obwohl Barnine ihre Nachbarn, die Menschen, die zu ihr kamen, und auch die Menschen aus der näheren Umgebung, liebgewonnen hatte, würde sie den heutigen Abend, wie so viele Jahre zuvor schon, ganz alleine verbringen. Deshalb konnte und wollte sie ihre Großmutter so lange bei sich behalten, wie es nur ging. Doch wie alles im Leben forderte auch die Magie ihren Tribut und Barnines Kräfte schwanden nach einiger Zeit. Irgendwann an diesem Tag schlief die junge Frau erschöpft ein. Den Menschen zu helfen, war anstrengend und kräftezehrend für sie gewesen.
Später am Abend, draußen war es schon dunkel, drosch jemand ungeduldig gegen ihre Eingangstüre. Barnine schreckte aus dem Schlaf. Habe ich das geträumt? Was pocht hier so laut? Ist da jemand vor der Türe? Mit klopfendem Herzen lugte sie durch den Spion und erblickte die Nachbargemeinschaft. Alle standen sie vor der Türe, mit Punsch, einem Christbaum, Keksen und vielen Kerzen. Als Barnine langsam öffnete, begannen die Menschen vor ihrem Haus, ein Weihnachtslied anzustimmen. Fröhlich sangen sie ein Lied nach dem anderen und forderten Barnine auf mitzusingen. Völlig verdattert schnappte sie sich ihren Mantel sowie Schal und Haube und trat ergriffen vor die Türe. Erst leise und kurz darauf voller Begeisterung sang Barnine die so lange ungehörten Lieder mit. Die Menschen strahlten vor Freude. Menschen aus ihrer Umgebung, Menschen, denen sie vor langer Zeit begegnet war, Menschen, die auf ihrer Flucht Halt bei der Dreama gemacht hatten, um sich hoffnungsvoll in eine bessere Welt aufzumachen. Die dicken Schneeflocken fielen stetig vom Himmel, die Kanonen schwiegen und die Menschen feierten ausgelassen den Heiligen Abend. Sie sangen, tanzten, teilten ihren Punsch und die Kekse, Menschen, die sich in den Armen lagen, kurzfristiger Frieden lag über der Erde. Zumindest fühlte es sich so an. Schon lange war Barnine nicht mehr so ausgelassen und gut gelaunt gewesen.
Die ganze Nacht wurde gefeiert und frühmorgens, als es wieder hell wurde, stand Barnine immer noch vor ihrer Türe und beobachtete, wie sich all die Menschen, die Kekse, der Punsch und die Kerzen langsam in Luft auflösten. Verständnislos starrte sie auf den Platz vor ihrem Haus, wo eben noch viele Menschen ausgelassen gefeiert hatten. Alle waren sie mit einem Lachen auf den Lippen verschwunden. Nachdenklich und durchgefroren kehrte die Dreama in ihr Haus zurück. Während sie beobachtete, wie die Brennnesselblätter nach und nach das Teewasser färbten, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. All die Menschen, die sie da gesehen hatte, mit jedem einzelnen von ihnen hatte sie eine magische Verbindung, weil sie ihnen schon den ein oder anderen Traum geschenkt hatte. All diese Menschen, denen sie über die Jahre hinweg geholfen hatte, erinnerten sich in dieser Nacht an die schönen Momente, die Barnine ihnen beschert hatte. Unbewusst mussten sie ihr ihre Dankbarkeit, ihre Weihnachtswünsche und ihre Sehnsucht nach Frieden zurückgeschickt haben. Diesmal war Barnine die Empfängerin. Sie hatte den Segen von Seelenfrieden erfahren, durch diese vielen Menschen, die sich alle nach demselben sehnten: Frieden. Und kollektiv hatten sie es geschafft, der Dreama auch ihren Wunsch, nicht alleine zu sein und ein schönes Weihnachtsfest mit lieben Menschen zu verbringen, wahrhaftig zu erfüllen. Aber vielleicht habe ich mir das alles nur eingebildet? Vielleicht habe ich doch nur geträumt?
Barnine war verwirrt und wusste am Ende gar nicht, ob das alles wirklich geschehen war oder ob sie nur selbst geträumt hatte. Aber das war ihr letztendlich völlig egal, denn für diese eine Nacht war sie nicht alleine gewesen – sondern von der ganzen Welt umarmt.

10. Dezember – Ein Arzt ohne Träume