Das Erwachen der Winterkönigin
Gabriele Herbst
Gabriele Herbst
Ein eisiger Windstoß riss Laura aus dem Schlaf. Verwirrt sah sie zum Fenster, aber es war geschlossen. Vor der Scheibe waberten undurchdringliche Nebelschwaden, obwohl der Wetterbericht sonniges, mildes Wetter für München angekündigt hatte. Laura grub sich tiefer unter ihre Decke. Es war das erste Adventswochenende, hoffentlich blieb sie von diesem Traum verschont.
Aber als sie die Augen wieder schloss, wich die Zimmerdecke einem makellosen Himmel aus poliertem Eis. Und da war sie wieder. Die Frau. Immer dieselbe. Sie thronte auf einem Sessel aus funkelnden Eiszapfen, Augen wie tiefgefrorene Seen, die eine unendliche, stumme Hilflosigkeit ausstrahlten. Die Kälte, die sie verströmte, drang Laura bis ins Innerste.
Aber etwas war diesmal anders. Ein leises Knistern durchzog die eisige Stille. Ein feiner Riss zog sich von der Brust der Frau über den Boden und griff nach Laura. Eine Welle der Traurigkeit schwappte über sie – dann verblasste das Bild.
Laura wachte auf. Sie dachte zurück an das erste Mal, als ihr die Frau erschienen war. Seitdem hatte sie jeden Aspekt ihres Unterbewusstseins analysiert, psychologische Abhandlungen gewälzt, sogar die Korrelation mit ihrem Koffeinkonsum geprüft. Aber noch immer wusste sie nicht, wieso der Traum jedes Mal zur Weihnachtszeit auftauchte.
Sie seufzte, warf die Decke weg und sprang aus dem Bett. Der eisige Hauch war verschwunden; als sie auf die Straße sah, war kein Nebel mehr zu sehen. Aber von den Dachrinnen hingen dicke Eiszapfen, eine Eisschicht um die Glühbirnen der Weihnachtsbeleuchtung dämpfte das grelle Licht. Ein unerwarteter Temperatursturz? Seltsam. Das Echo des Traumes hallte in ihr. Es schien, als ob die Kälte draußen die Kälte im Traum widerspiegelte?
Laura ahnte: Dieser Advent würde anders werden.
Mit Kaffee und Laptop bewaffnet kuschelte sie sich wieder ins Bett. Sie versuchte, das letzte Kapitel ihrer Doktorarbeit zu korrigieren, aber ihre Gedanken kehrten ständig zu dem Traum zurück. Das Klingeln des Telefons schreckte sie auf. „Laura, Schatz“, sagte ihre Tante Sophia, „wir räumen Omas Wohnung aus. Kommst du bitte, da ist etwas, das du bekommen sollst.“ Laura schluckte, als sie an ihre geliebte Großmutter, Heilerin und Märchenerzählerin, dachte. Sie hatte sich seit September in ihre mathematischen Formeln gestürzt, um die Trauer zu begraben. Das verwaiste Apartment hatte sie gemieden; doch jetzt musste sie wohl hin.
Am nächsten Morgen stand Laura in Omas vollgestopfter Wohnung. Der Geruch von alten Büchern, getrockneten Kräutern und einem Hauch von Zimt katapultierte sie in ihre Kindheit. Energisch schüttelte sie den Kopf. Um sich abzulenken, lehnte sie sich an die Küchentür und sah Sophia zu, wie sie den Inhalt der Küchenschränke aussortierte. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Das war eines von Omas Lieblingsmärchen gewesen. Sophia winkte sie mit einer Kopfbewegung ins Wohnzimmer. „Es ist auf dem Schreibtisch.“
Auf dem überladenen Sekretär lag ein verstaubter Foliant. Sein Ledereinband war rissig, die Seiten vergilbt. Auf dem Deckel klebte ein Post-it mit Omas krakeliger Schrift: für Laura. Aus diesem Buch hatte sie ihre Geschichten vorgelesen.
Laura schlug den Deckel auf. Zwischen den knisternden Seiten, gefüllt mit Notizen in altertümlicher Schrift, entdeckte sie eine einzelne Skizze. Ein eisiger Windhauch ließ sie frösteln. Laura starrte auf das Antlitz der Frau aus ihrem Traum. Das Gesicht von gefrorenem Haar umrahmt, die Augen voller Sehnsucht. Darunter stand: „Die Winterkönigin: Nur Wärme im Herzen kann sie befreien.“ Laura zog ihren Schal enger um die Schultern und klappte das Buch zu, ohne weiterzulesen. Das konnte kein Zufall sein, so sehr sie eine rationale Erklärung herbeisehnte. Sie schloss die Augen, hinter ihren Lidern huschte ein Hauch von Farbe über ihre graue, rationale Welt.
Die nächsten Tage befand Laura sich in einem Schwebezustand. In der Arbeit saß sie vor ihren mathematischen Formeln, ohne sie zu verstehen; die Gedanken wanderten stetig zur Winterkönigin. Ihr analytischer Verstand versuchte vergeblich, die blumigen Formulierungen im Folianten zu entschlüsseln, die von Herzenswärme und verlorener Freude sprachen.
In den nächsten Tagen schob sich die Kälte durch die Straßen, trieb die Menschen in ihre Wohnungen und bescherte den Duft von gerösteten Kastanien und Glühwein. Den Kragen bis zur Nasenspritze geschlossen, hastete Laura zur Universität. Sie traf nur wenige Menschen, verschanzt hinter Schals, die Augen ausdruckslos. Den Budenbesitzern war das Lächeln vergangen, die Weihnachtslieder verhallten unbeachtet zwischen den Häusern.
Laura wollte den Zusammenhang zwischen der Kälte und der allgemeinen Freudlosigkeit untersuchen und bat ihre Doktorandenkollegen an der Universität um Hilfe bei einer Studie. Aber jeder winkte ab. Die Gründe reichten von „Der Klimawandel ist schuld“ über „Das bildest du dir ein“ bis hin zur Aussage ihres Professors „Wir sind Wissenschaftler – mit esoterischem Quatsch beschäftigen wir uns nicht“. Keiner außer ihr schien die Situation zu erfassen, sie fühlte sich einsam und unverstanden.
Laura schleppte den Folianten überall mit hin. Jede freie Minute verbrachte sie damit, die kryptischen Zeilen unter der Skizze zu entziffern. Die Akte der Wärme waren wohl keine großartigen Heldentaten, sondern unscheinbare Gesten: „Das Teilen des letzten Apfels mit einem Bedürftigen“, „Ein Lied, das nur für einen anderen gesungen wird“, „Eine Geschichte, die Herzen wärmt“. Laura belächelte dies. Was nicht mess- oder berechenbar war, existierte für sie nicht.
Doch der Zustand der Winterkönigin wurde jede Nacht hoffnungsloser. Risse in ihrem Eispanzer verströmten eisige Luft, morgens hatte Laura das Gefühl, ein Stück mehr Wärme verloren zu haben.
Auch die Situation in der Stadt wurde immer dramatischer. Auf dem Weihnachtsmarkt waren die ersten Buden geschlossen, Motoren sprangen nicht mehr an, Trambahnen blieben im Depot.
Der Foliant erschien Laura wie eine Brücke zwischen ihrer Welt und einer unbekannten Wirklichkeit, die sie nicht erklären, aber auch nicht ignorieren konnte. Laura überlegte hin und her. Ja, versuchen würde sie es. Mit einer empirischen Studie konnte sie ihren Professor vielleicht beeindrucken. Zu verlieren hatte sie nichts.
Als erstes Experiment buk sie kartonweise Zimtsterne und Vanillekipferl. Mit den Schachteln ging sie von Tür zu Tür, verteilte die duftenden Päckchen an Fremde. Die Reaktionen waren verhalten: ein überraschtes Nicken, ein kurzes Danke.
Doch der Traum veränderte sich. Das Eis um die Winterkönigin schien dünner. Ein Hauch von Röte schimmerte auf ihren Wangen. Es war so flüchtig, so unbedeutend, dass Laura es als Wunschdenken abtat.
Trotzdem machte sie weiter. Sie sang mit einem Straßenmusiker „Jingle Bells“, obwohl sie ihre Stimme schrecklich fand. Nachmittags las sie den Bewohnern im Seniorenheim Märchen vor oder half bei der Tafel. Jede einzelne Aktion war eine neue Herausforderung, trotzdem empfand Laura ihre Welt weniger langweilig und farblos. Wenn sie träumte, wirkte die Winterkönigin weniger traurig, ihr Eispanzer zeigte winzige Schmelzspuren.
Auch in der Stadt gab es kleine Lichtblicke. Der eisige Wind hatte sich gelegt, die Menschen trauten sich wieder raus und grüßten sich auf den Straßen, Kinder freuten sich über gebrannte Mandeln oder heiße Maronen. Das war ihr genug Ansporn, um mehr Experimente zu wagen.
Sie erstellte eine Liste mit ihren Taten, den Reaktionen und den Auswirkungen auf ihren Traum. Er schien tatsächlich zu reagieren – so unwahrscheinlich das war. Jeder schmelzende Eiskristall war ein Hauch mehr Hoffnung – nicht nur für die Winterkönigin, sondern auch für die Welt.
Diese zaghafte Hoffnung wurde mit einem Schlag zunichte gemacht. In einer Mittagspause übertrug sie neue Ereignisse, als unverhofft ihr Professor auftauchte. Sie konnte das Excel-Fenster nicht schnell genug minimieren, so dass sein Blick auf die Liste fiel. Seine Stirn legte sich in Falten, die Vene an seiner Schläfe schwoll an. „Ich habe doch gesagt, du sollst das lassen“, polterte er los. „ Wenn du dich jetzt für so was interessierst, solltest du deine Position hier neu überdenken.“ Niedergeschlagen schloss Laura das Fenster. Er hatte wohl Recht, sie bildete sich alles ein. Hoffentlich hatte das ihre Karriere nicht endgültig ruiniert.
Am Abend fegte ein eisiger Sturm durch die Stadt. Die Weihnachtsbeleuchtung begann zu flackern, als würde der Strom einfrieren. Der künstliche Glanz, der die gedrückte Stimmung bisher kaschiert hatte, verblich. Die Menschen flüchteten in ihre Wohnungen, der sonst so lebendige Weihnachtsmarkt war leer gefegt, auch die letzten Verkäufer hatten ihre Buden verrammelt.
Aus den Seiten des Folianten drang ein eisiger Nebel, die Skizze der Winterkönigin begann zu verblassen – jeden Tag ein bisschen mehr.
Eines Morgens schaute Laura auf das Foto des letzten Familientreffens. Sie runzelte die Stirn, überlegte kurz, welche der alten Damen ihre Oma war. Ab diesem Tag blätterte Laura jeden Abend durch ihre Fotos, jeden Abend fehlte eine Erinnerung mehr – das Gesicht, die Stimme, die Melodie der Wiegenlieder. Jeden Abend weinte sie sich in den Schlaf. Passierte das tatsächlich, oder verlor sie den Verstand? Die Versuchung, zur vertrauten Logik zurückzukehren, war immens. Doch die verblassende Skizze und die Angst, ihre geliebte Oma zu vergessen, ließen das nicht zu.
Dann kam die Nacht vor Heiligabend. Ein Schneesturm heulte und rüttelte an Lauras Fenster. Die Lichter waren erloschen, die Stadt lag leblos unter dem Schnee – wie unter einem Grabtuch. Laura fror trotz Decken und Wärmflasche, der Foliant lag neben ihr. Die Skizze der Winterkönigin war zu einem Schatten verblasst, in Lauras Kopf schwammen die letzten Kindheitserinnerungen wie dünne Eisschollen.
Dann fiel sie in den Traum. Die majestätische Gestalt war ein Eisblock, die Augen niedergeschlagen. Laura spürte, wie ihre letzten Erinnerungen splitterten. Eine Stimme, leise wie fallender Schnee: „Es ist zu spät.“
Inmitten dieser aussichtslosen Kälte, während die Verzweiflung sie übermannte, flüsterte Laura die geschriebenen Worte: „Nur die Wärme im Herzen kann sie befreien.“ Plötzlich verstand sie.
Laura trat vor die Winterkönigin und legte eine Hand an deren Wange. Die Kälte schoss ihr bis in die Schulter. Sie unterdrückte den Drang, zurückzuweichen, und begann zu erzählen. Vom Lächeln eines kleinen Mädchens, dem warmen Händedruck eines älteren Herrn, den dankbaren Senioren und wie bunt ihr Leben die letzten Wochen geworden war. Sie sprach von den Wiegenliedern ihrer Oma, kramte eine Melodie mühsam aus den Tiefen ihres Gedächtnisses hervor und stimmte sie an. Erst leise und zaghaft, dann gewann ihre Stimme an Kraft. Je länger sie sang, desto mehr Erinnerungen kehrten zurück. Sie schwärmte vom Duft der Zimtkekse, der Wärme der Umarmungen, von den vielen Stunden auf Omas Schoß, angefüllt mit Geschichten. Sie legte all ihre Hoffnung in ihre Worte.
Die Haut unter Lauras Hand wurde wärmer, das Eis knisterte und brach. Schmelzwasser drang hervor. Die Winterkönigin seufzte leise, ihre Augenlider flatterten. Das Eis schmolz schneller, kleine Wasserfälle stürzten zu Boden. Die Königin öffnete die Augen. Sie waren nicht mehr leer und traurig, sondern strahlten in einem tiefen, warmen Blau.
Laura wachte auf. Kein eisiger Windstoß, keine erstickende Kälte im Raum. Staub tanzte im goldenen Licht der Morgensonne. Der Sturm hatte sich gelegt, die Stadt lag unter einer glitzernden Schneedecke. Die Luft war nicht länger beißend kalt, sondern klar und frisch.
Freude wallte durch jeden Winkel ihres Körpers. Sie atmete tief durch und jubelte. Dann griff sie nach dem Folianten. Das Leder war warm und die Seiten mit Text gefüllt, zwischendrin glitzerten winzige Punkte wie Feenstaub. Die Skizze der Winterkönigin strahlte in leuchtenden Farben, ihre Augen unendlich dankbar.
Als Laura auf die Straße trat, staunte sie über die Verwandlung der Stadt. Die Weihnachtsbeleuchtungen brannten ruhig und verbreiteten einen warmen Glanz. Der Markt füllte sich mit Menschen, die sich nicht in ihre Mäntel verkrochen. Ein Lächeln hier, ein freundliches Nicken dort, ausgetauschte Worte und Gelächter. Budenbesitzer verschenkten Kaffee und Baumkuchen. Kinder schlitterten jauchzend über gefrorene Pfützen. Es waren kleine Momente, aber sie waren überall.
Mit einem Cappuccino in der Hand kehrte sie in ihre Wohnung zurück. Ihre Finger liebkosten die leuchtenden Seiten des Folianten. Die Wissenschaft hatte ihr die Welt erklärt. Doch an diesem Weihnachtsmorgen wusste sie, dass es noch etwas gab. Etwas, das keine Formel brauchte – denn wahre Menschlichkeit war nicht messbar. Laura schloss die Augen und spürte die Wärme in ihrem Herzen.

9. Dezember – Von der ganzen Welt umarmt