Wie traumhaft ein Weihnachtsabend sein kann
Birgit Wagner
Birgit Wagner
Ich bin erschöpft wie schon lange nicht mehr. Ein 12-Stunden-Tag. Endlich zu Hause. Ich bin froh, aus meinen Schuhen steigen zu können.
Licht an. Alles fallen lassen. Das Badewasser einlassen. Badeschaum nicht vergessen. Kühlschrank plündern, mal sehen, was es auf die Schnelle so gibt. Da ist sie ja, meine Zimtschnecke von gestern. „Dich verspeise ich dann später.“
Zurück ins Badezimmer. Raus aus den Klamotten und ab ins Wasser. Herrlich, so viel Schaum und die angenehme Wärme. Langsam taue ich wieder auf.
Draußen schneit es schon den ganzen Tag. Es herrscht Chaos auf den Straßen. Dicke Schneeflocken und klirrende Kälte, typisch Adventzeit.
Nach einer entspannten Zeit, mit geschlossenen Augen und vor mich hinträumend in meiner Badewanne, wird mir plötzlich extrem heiß und mein Herz rast.
Ich muss raus aus dem Wasser, sofort. Ich kuschle mich, ohne mich abzutrocknen, in meinen dicken Bademantel.
Heute gehört der Abend mir. Georg ist bei seiner Weihnachtsfeier, das heißt, er kommt wirklich, wirklich spät.
Ich schlurfe gähnend in die Küche, schnappe meine Zimtschnecke, die ich schon vorbereitet habe, schlurfe ins Wohnzimmer und lasse mich genüsslich auf meine Couch fallen. Während ich erschöpft gähne, schalte ich Netflix ein. Was weihnachtlich Romantisches soll’s heute sein. Ah, hier ist er ja: „Holidate“. Das ist, glaube ich, der Film, den meine Tochter meinte. „Den musst du dir ansehen.“ Auf Start gedrückt und los!
Ich kuschle mich auf meine Couch, in meinen Polster und rieche an meiner geliebten Zimtschnecke, bevor ich einen riesigen Bissen nehme. Sie schmeckt so unglaublich gut. Mein erstes Essen heute.
Es klingelt an der Türe. Wer kann das so spät noch sein? Georg? Hat er etwas vergessen?
Die Nachbarin? Nein, ich habe ja nichts per Post bestellt, oder doch?
Es klingelt erneut. „Ich komme schon!“, schreie ich genervt.
Wo sind meine verdammten Patschen? Egal, muss ohne gehen. Ich öffne die Türe. „Lisa, was machst du hier?“
„Guten Morgen, Mama! Na, das ist ja eine nette Begrüßung! Danke.“ Sie schmatzt mir einen Kuss auf die Wange und kommt rein. „Ich bring frisches Gebäck fürs Frühstück. Ist Georg schon auf?“
Ich starre sie an, „Wie? Was meinst du mit Frühstück? Wie spät ist es?“
„Ja, 7:30 Uhr! Mama! Ist alles okay mit dir? Du schaust so fertig aus.“
„Auch nett, danke.“
Lisa mustert mich sorgenvoll und tritt einen Schritt zurück. „Mama, was ist das? Ist das Blut auf deinen Händen? Hast du dich verletzt?“
Tatsächlich. Meine Hände sind blutverschmiert. Ich schaue mich verzweifelt um. Auch am Boden sind Blutspuren. Bis in die Küche.
Lisa marschiert Richtung Küche. Sie hebt ein Messer vom Boden auf und zeigt es mir. „Mama, was hast du gemacht?“
„Ich habe eine Zimtschnecke gegessen und mich auf die Couch gelegt. Ein ganz normaler Netflix-Abend!“
Sie schreit und dreht sich zu mir um. „Mama, du hast Georg umgebracht.“
„Blödsinn, der ist auf seiner Weihnachtsfeier. Sei bitte nicht so hysterisch.“
„Mama, es ist 7 Uhr 30 in der Früh. Guten Mooorgen! Er liegt hier in der Küche, blutüberströmt. Er ist schon kalt und blass.“
Ich verstehe gar nichts mehr und schaue sie nur wortlos an. Ich blicke Richtung Küche, dann auf meine blutigen Hände.
„Mama, was machen wir jetzt?“
„Keine Ahnung, sag du was! Ich habe grad keine Idee. Ich habe gerade noch gemütlich Netflix geschaut.“
„Mama, sag, geht’s noch, konzentrier dich! Du hast Georg tot in der Küche liegen, hast du was geraucht?“
„Nein, natürlich nicht! Ich habe nur meine Zimtschnecke gegessen.“
„Wir müssen ihn wegbringen“, höre ich sie verzweifelt flüstern. „Du bist sonst wegen Mord dran, wobei? Wir könnten auf nicht zurechnungsfähig plädieren, so wie du ausschaust und redest.“
Meine Lisa wieder voll in ihrem organisatorischen Element. Ich muss grinsen. Ich bin wahnsinnig stolz auf sie.
Sie dreht mich an den Schultern um und sagt bestimmend: „Du gehst jetzt duschen, dann ziehst du dich an. Ich mache den Rest.“ Sie macht eine kurze Pause. „Wir schaffen das“, sagt sie dann mit finsterer Miene. „Ich weiß, wo wir ihn hinbringen. Wir fahren mit ihm zum Christkindlmarkt und setzen ihn in den Park. Morgen finden die ihn erfroren und es geht alles seiner natürlichen Wege. Ich überleg mir, wie wir ihn ins Auto bringen.“
Jetzt muss ich schallend loslachen. „Erfroren beim Punsch trinken, das ist aber originell, Schatz!“
„Mama, du machst mich wahnsinnig! Mach dich jetzt fertig.“
Ich lache so heftig los, dass mir Tränen über die Wangen laufen. „Aber Maus“, pruste ich heraus, „ich sag dir was: Mit drei Löchern in der Brust nimmt uns das keiner ab, dass er nur erfroren ist.“
„Mama, mach dir keine Gedanken, ich kenne jemanden bei der Gerichtsmedizin, der mir noch was schuldig ist.“
Ich öffne erstaunt die Augen und sehe, dass meine Zimtschnecke auf meiner Brust liegt und ich Zuckerguss auf der Nase habe. Ich bin mehr als überrascht, aber auch erleichtert.
„Schatz, der Kaffee ist fertig!“, tönt es aus der Küche. „Beeil dich, Lisa kommt bald. Du weißt ja, sie hat nicht so viel Zeit, sie muss noch zu einer Freundin. Die treffen sich ja am Christkindlmarkt.“
„Ja, ja, ich weiß. Stell dir vor, was ich geträumt habe.“ Ich lache herzlich, schnappe mir meine Kaffeetasse und erzähle. Und NEIN, Georg ist nicht begeistert.
Es klingelt. Lisa! Ich eile zu Türe und umarme sie ganz fest. „Guten Morgen, mein Schatz! Ich habe heute von dir geträumt, das war so genial, ich muss dir das gleich erzählen. Komm, Georg hat schon Frühstück gemacht.“
Sie lächelt und folgt mir in die Küche. Bei Kaffee und Keksen lachen wir beide von ganzem Herzen über meine Story. Mutter, Tochter, einfach der gleiche Humor.
„Mama, der Traum ist mega!“ Sie steht auf und geht zum Küchenfenster. „Mama, es schneit übrigens noch immer, das perfekte Wetter für den Christkindlmarkt“, sagt sie und zwinkert amüsiert in meine Richtung.
NEIN, Georg ist wieder nicht begeistert. 😊
Schöne Weihnachten ihr LIEBEN!
Birgit Wagner ist Absolventin des Ghostwriter- Lehrgangs.

8. Dezember – Das Erwachen der Winterkönigin