Im falschen Film
Ursula Rathensteiner
Ursula Rathensteiner
„Brauche ich eigentlich Schneeketten?“ Keine Antwort. Vielleicht ein verächtliches Schnauben, aber die Verbindung war nicht gut genug, um das mit Sicherheit sagen zu können.
„Und vergiss nicht! Klopf’ einfach bei meiner Schwester Gudrun an, die hat den Schlüssel für meine bescheidene Hütte.“
Schwester? Kein heißer Bruder? Seltsam … aber … hoffentlich war es nicht wirklich eine Hütte. So komfortabel wie meine kleine, moderne Wohnung sicher nicht, aber immerhin eine Art Haus …?
„Danke. Und noch mal danke, dass du mir die Weihnachtsfeiertage rettest.“ Und ich nicht Gefahr laufe, Adrian zu begegnen. Mich nicht als Neo-Single, der wieder einmal eine Beziehung in den Sand gesetzt hat, bei meinen seit fast vierzig Jahren glücklich verheirateten Eltern einfinden zu müssen oder allein in meiner kleinen, modernen Wohnung in Selbstmitleid zu ertrinken. Und mir – in Person oder übers Telefon – von meinen in der Liebe so erfolgreichen Eltern anhören zu können, was ich alles anders machen hätte sollen, um Adrian nicht zu vergraulen. Ich ihn. Viel mehr Verständnis gab es in unserem Freundeskreis auch nicht, obwohl alle gesehen hatten, dass er mich zwar zu jeder verdammten Vernissage seiner Künstlergruppe mitgeschleppt, mich aber dann allein in einer Ecke stehen hat lassen. Ergo: keine Option für Weihnachten. Nur Steffi war nicht schockiert, dass das Traumpaar in Wahrheit gar nicht so traumhaft war. Und mittlerweile ein Ex-Paar. Meine beste Freundin würde sich aber über Weihnachten mit ihrer Nena, vermutlich echt nach DER Nena benannt, nach Rom vertschüssen und mich erst allein lassen.
„Passt schon. Ich brauche dringend mal … Abstand“, meinte meine Gesprächspartnerin am anderen Ende der Leitung.
Heidemarie würde den Schlüssel zu meinem urbanen Domizil bei meiner Nachbarin Silke abholen können. Das hatten wir schon besprochen, als die Anfrage zum Tausch im Internet kam. Eigentlich dachte ich ja immer, dass so ein Wohnungstausch nur im Film existierte. Aber Heidemarie wollte Weihnachten aus mir unbekannten Gründen in der großen Stadt verbringen. Allein und ohne Anhang. So wie ich.
Kurz nach Büroschluss am Freitagmittag vor dem Heiligen Abend schmiss ich noch ein paar bequeme Klamotten in meinen metallisch glänzenden Trolley. Ja, auch den Ugly Christmas Sweater, den mir Steffi vor ein paar Jahren geschenkt hatte. Der sollte mir wenigstens in der Höhenluft Wärme spenden. Alles im Auto verstaut und schon ging es los. Hoffentlich würde ich die Schneeketten nicht wirklich brauchen auf dem Weg in die tiefste und doch hochgelegene Provinz. Sie waren genauso alt wie mein heiß geliebter kleiner Fiat.
Alt, aber gut. Keine zwei Stunden später parkte ich im Schnee des Nordens vor einem Haus, schlicht, eierschalengelb, mit winzigen Fenstern. Heidemaries Reich. Daneben das ihrer Schwester. Also noch heile Welt hier oben. Keine verstreuten Familien. Aber so würden mich wenigstens zu Weihnachten wirklich alle in Ruhe lassen, da ja mit dem Fest genug zu tun war. Vielleicht war Heidemarie ja deswegen in meine Wohnung in die Stadt geflohen.
„Hey, du musst Caro sein. Komm erst mal rein in die gute Stube. Es gibt auch Tee, ganz speziellen.“ Eine Frau um die 35 mit Pferdeschwanz und einer wohl schnell übergeworfenen, dunkelbeigen Daunenjacke war aus dem Haus getreten und kam mir mit energischen Schritten entgegen. Ihr Blick wanderte kurz zu meinem geliebten Fiat. „Ich bin überrascht, dass du es mit der Klapperkiste hierher geschafft hast“, schien er zu sagen. Ein fetter SUV fürs Gebirge, so wie der, der in der Auffahrt stand, war meiner halt nicht.
„Hallo. Heidemarie hat gemeint, ich kann mir den Schlüssel für ihr Haus bei dir abholen.“
Dass ich es irgendwie schräg fand, nicht einmal anklopfen zu müssen, behielt ich lieber für mich. Ich wollte es mir ja nicht gleich mit der Schwester meiner Haustausch-Partnerin verscherzen. Es war kein Verbrechen, beim Fenster nach der Frau, die über Weihnachten die neue Nachbarin sein würde, Ausschau zu halten.
„Ja, aber erst einmal kommst du rein. Reini, mein Mann, und mein Sohn Tobi besorgen gerade den Christbaum. Wir Mädels sind also unter uns.“
Also ein Sohn, keine zwei entzückenden Töchter. Hm. Jedenfalls gab es mal Reini. Ein verheirateter Mann war ja zu ertragen und Tobi war definitiv noch keiner. Und sonst sollten hier in der ländlichen Idylle laut Heidemaries Ausführungen alle Männer vergeben sein. Gut so.
„Okay, danke.“
Verstohlen sah ich mich um, wurde aber rasch an einen runden Holztisch mit weihnachtlichem Deckchen gesetzt. In der Mitte stand der Adventkranz: drei Kerzen violett – eine davon unberührt, eine ein zartes Rosa, dazu goldgefärbte Nüsse und Schleifchen. Dann bekam ich schon zum Aufwärmen Jagatee serviert und wurde einem Verhör unterzogen.
„Heidsch, und das muss aber unter uns bleiben, unser kleines Geheimnis, dass ich meine Schwester so nenne, sie hasst das. Nun, Heidsch hat mir erzählt, dass dich dein Freund ganz plötzlich verlassen hat und du zu Weihnachten einfach nicht zuhause bleiben konntest. Du Ärmste, ausgerechnet kurz vor den Feiertagen. Was war denn? Warum hat es bei euch nicht geklappt?“
Nein, ich korrigierte nicht, dass ich Schluss gemacht hatte, weil ich mich nicht mehr mies behandeln lassen wollte. Ging Gudrun gar nichts an.
„Wir haben uns auseinandergelebt, wie man so schön sagt.“
„Hm. Ja. Hast du ihm nicht mehr genug Aufmerksamkeit geschenkt? Männer brauchen das, weißt du? Der Reini wird immer ganz traurig, wenn ich ihn vernachlässige.“
Ich verzog ganz leicht den Mund und betonte mein Schulterzucken. Nein, danke. Ich brauche keine Beziehungstipps von einer rückwärtsgewandten Ehefrau, noch dazu aus der Provinz. Die wusste doch gar nichts vom Datingleben in der Großstadt.
„Tja. Wir können nichts mehr daran ändern, dass dich dein Freund verlassen hat. Und das ausgerechnet vor Weihnachten. Aber hier bist du richtig. Das wird schon wieder mit der Liebe.“
Häh? Wir?
„Ähm.“ Mehr brachte ich nicht heraus und nahm noch einen Schluck picksüßen Jagatee mit gefühlt 80 Prozent Alkohol. Deshalb auch der Gestank. Nur noch einer und ich hatte die Tasse geschafft. Zurück blieb ein leichtes Brennen im Mund und der Anflug von Kopfschmerzen. Weihnachten halt, immer irgendwie schmerzhaft. Und trotzdem wollte ich zumindest nach außen nicht unhöflich sein.
„Ich muss jetzt wirklich. Immerhin möchte ich ja noch mein Zeug ins Haus bringen und ein bisschen ankommen. Danke für den Tee übrigens.“
„Also ein ganz kleiner Schluck geht schon noch. Zum Aufwärmen.“
Heidemaries Schwester war aufgestanden und wollte schon meine Tasse packen, für Nachschub.
„Nein, danke. Ich muss jetzt wirklich. Kannst du mir bitte den Schlüssel geben?“
„Natürlich.“
Der Schlüsselanhänger war eine Musiknote. Ich packte ihn in meine Tasche, verabschiedete mich und wollte schon zur Tür raus.
„Warte! Heute ist noch Schonfrist, aber morgen gehen wir es an, das mit der Liebe. Du musst unbedingt zur Singleparty. Die ist legendär, immer am Samstag vor Weihnachten. Da hat noch jede einen tollen Mann gefunden!“, rief mir Heidemaries Schwester hinterher.
„Ähm. Eigentlich möchte ich ein bisschen Ruhe, aber danke.“
Gudrun kam hinter mir hergerannt und wollte mich schon am Arm packen, zog ihre Hand aber zurück. „Keine Widerrede. Ich hole dich morgen um sieben ab. Ich hoffe, du hast was Feines zum Anziehen dabei.“
Meine Antwort war irgendwas zwischen Grunzen und Schnaufen.
„Also dann bis morgen um sieben“, meinte Gudrun nur.
In Heidemaries Haus angekommen, das immerhin ein bisschen komfortabler als eine Hütte war, versuchte ich, mich zu entspannen. Ganz einfach war das nicht, bei den vielen Bauernregeln und frommen Sprüchen, die anstatt von Bildern die Wände zierten. „Windstill muss St. Stephan sein, soll der nächste Wein gedeih’n.“ „Haben’s die unschuldigen Kindlein kalt, so weicht der Frost nicht so bald.“ Welche unschuldigen Kindlein bitte? „Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir!“ Alles gestickt und eingerahmt. Hm. Auch nicht besser als Adrians Kunstwerke, die ich mittlerweile von den Wänden in meiner Wohnung genommen und erst mal ganz hinten im Kasten verstaut hatte. Aus den Augen, aus dem Sinn. In einem fremden Haus konnte ich aber nicht einfach Bilder abhängen, das wäre doch zu weit gegangen. Also ignorierte ich sie so gut wie möglich und verbrachte den Abend mit Popcorn – nur das im Packerl, eine Maschine hatte Heidemarie nicht – auf der Couch. Filmmarathon. Aber wo war der steinalte Hollywood-Schreiber, der mit seinen Tipps genau meinen Geschmack traf?
Nach dem Frühstück klingelte das Telefon. Heidemaries Telefon. Und dann noch mein eigenes. Gudrun rief an und wollte mich zum Mittagessen einladen. Ich lehnte dankend ab und war gezwungen, dafür am Abend mit ihr zur Singleparty mitzukommen.
„Keine Widerrede. Wir müssen doch schauen, dass du schöne Weihnachten mit ganz viel Liebe hast!“, sagte Gudrun. Sogar übers Telefon klang ihre Stimme fest und streng.
„Aber …“
„Kein Aber. Du kommst mit, wenn du schon nicht zu Mittag zu uns schaust. Es wird dir gefallen, lauter echte Männer. Da wird sich bestimmt einer für dich interessieren und du musst nicht mehr länger allein sein. Vielleicht ist ja einer so toll wie der Reini. Ach, was red‘ ich da? Ganz sicher, bei uns gibt’s einfach die besseren Männer.“
Redeschwall beendet. Zum Glück.
„Ich bin eigentlich gekommen, um etwas Ruhe zu finden“, bemerkte ich, fast kleinlaut.
Gudrun ließ nicht locker. Bevor sie gar zu mir ins Haus rüberkommen würde, ließ ich mich breitschlagen, dass sie mich zur Singleparty abholen durfte. Im feinen Gewand.
So fein wurde es nicht. Jeans und mein Ugly Christmas Sweater. Gudrun verzog den Mund, als sie mich sah, sagte aber nichts. Sie selbst war im Dirndl in weihnachtlichen Farben unterwegs. Als ich mit ihr das Dorfgasthaus betrat, hätte ich am liebsten umgedreht. Es roch nach Schnitzelfett, Fisch, Glühwein und Parfüm. Männer- und Frauendüfte. Der Angriff dieses Potpourris wurde von Blasmusikklängen begleitet, die irgendwie als Weihnachtslieder zu erkennen waren. Da steuerte schon ein Mittvierziger mit Lederhose und kariertem Hemd auf uns zu. „Guten Abend, schöne Dame!“, sagte er und krallte sich meine Hand, um sie zu küssen. Feucht und verschwitzt. Vom Essen oder Tanzen, denn im Saal ging es längst zu. Gudrun zog mich hinter sich zu einem Tisch, an dem schon drei Männer in meinem Alter warteten. Sie standen auf, um uns zu begrüßen. Zwei weitere Handküsse musste ich noch ertragen, der dritte Typ war etwas schüchterner. Das war der einzige Unterschied, der erkennbar war. Alle trugen Lederhosen und Trachtenhemd, ihre Haarprachten ließen schon nach.
Bevor ich mir etwas zu trinken organisieren konnte, sagte der mit den braunen, fettigen Haaren: „Der erste Tanz gehört mir. Komm, holde Maid!“ Er nahm meine Hand und zerrte mich zur Tanzfläche. Ohne sich vorzustellen oder abzuwarten, ob ich überhaupt wollte.
Die anderen beobachteten uns, lechzten danach, an die Reihe zu kommen. Schmierige Blicke, verschwitzte Gesichter und Lederhosen.
„Jetzt mit dem Berti, der ist ein ganz ein Lieber“, feuerte Gudrun mich an, als ich vom ersten Tanz zurückkam. Berti zwinkerte mir zu und schnappte mich, bevor ich ablehnen konnte. Über mich wissen wollte er nichts. Hauptsache, er konnte sich an mich pressen und seine feuchten Finger auf mein Gesäß legen. Als ich den Horrortanz hinter mir hatte, kam der Möchtegernkavalier von vorhin auf uns zu und entriss mich Bertis Händen. Eigentlich konnte ich nicht mehr, wollte nur noch weg, doch er hielt mich fest.
„Schatz, siehst du mal nach den Kindern?“ Die blonde Frau auf der Leinwand im dunkelgrünen Dirndl deckt gerade den Tisch. Dem Lächeln des Ehemanns, ebenfalls in Tracht, nach zu schließen, haben sich die beiden rechtzeitig zu Weihnachten wieder versöhnt, die Scheidung ist vom Tisch. Vielleicht ist das auch nur meine Interpretation. Bevor ich meine Kritik zum neuesten Weihnachtsfilm in der Redaktion abgebe, musste ich unbedingt recherchieren, was wirklich passiert ist. „Zum Einschlafen“ kann ich ja schlecht schreiben. Blöde Vorweihnachtsfeier! Blöde Gudrun, die mich überredet hatte, überhaupt zu kommen. Blöder Berti mit seinem DJ-Pult. Blöder Adrian mit seinem Hot Aperol und seinen blöden blauen Augen! Blöder, fader Weihnachtsfilm! Kein Wunder, dass niemand sonst aus dem Team diese Pressevorstellung heute übernehmen wollte, weder Steffi noch Reini oder Tobi.
Euphemistisches Fazit: „Nette Xmas-Unterhaltung, kommt an Klassiker wie Liebe braucht keine Ferien definitiv nicht heran.“ Und Details zum Plot muss ich unbedingt noch herausfinden, denn niemand will lesen, welchen Alptraum die Kritikerin dabei hatte. Schon gar nicht meine „Film-Chefin“ Heidemarie.

6. Dezember – Traumsichtung