Großmutters Backstube
Elisabeth Hassek-Eder
Elisabeth Hassek-Eder
Ich stehe wieder in Großmutters Küche wie vor vielen Jahren. Alles kommt zurück – mein Blick reicht bis auf die Tischplatte, so groß bin ich schon. Es riecht nach Vanille, Teig und etwas ganz Tröstlichem, das ich nicht benennen kann. Das Licht fällt golden durch das Fenster, Mehlstaub tanzt darin.
Vor mir auf dem Tisch steht ein großes Einmachglas, der Deckel liegt daneben. Leuchtend dunkelrotes Beerenmus ist unweit davon auf die Tischplatte getropft. Ich fahre mit meinem Zeigefinger langsam die grobe Holzplatte entlang – doppelt vorsichtig, schon einmal habe ich mir hier einen Schiefer eingezogen, außerdem möchte ich nicht von Großmutter geschimpft werden. Ganz langsam nähert sich mein Finger der klebrigen Versuchung. Ich tauche ihn in den Klecks aus Beerenmus, Heidelbeeren und Himbeeren zeichnen bläuliche und rötliche Schlieren. Schon lecke ich meinen Finger genießerisch ab – in meinem Mund Süße und der Geschmack von Sommer.
Großmutter hat nichts bemerkt. Sie steht mit dem Rücken zu mir und knetet Teig. Auf dem Herd blubbert es aus einem Topf, in dem sie immer wieder umrührt. Als ich nähertrete, nimmt ihr grobes Baumwollkleid, blau mit gelben Butterblumen darauf, mein ganzes Gesichtsfeld ein. Nur die Träger ihrer gelben Kochschürze durchkreuzen die Blumenwiese.
Aus dem Topf am Herd steigen rhythmisch Dampfwölkchen auf. Großmutter nimmt mich auf den Arm und hebt mich hoch, ich darf ihr bei der Zubereitung des Beerenmuses helfen. Stolz fasse ich den hölzernen Kochlöffel, er fühlt sich warm an in meiner Hand. Sie beugt sich vor, und ich rühre feierlich die Beerensauce um. Ich sehe gerne zu, wie sich in der klebrigen Masse Blasen bilden, die größer werden, um schließlich träge zu platzen. Puff! Ein weiteres Dampfwölkchen steigt auf.
Auf der Arbeitsplatte, die an den Herd angrenzt, liegen Eierschalen, daneben eine Rührschüssel mit so fest geschlagenem Eischnee, wie das nur Großmutter zuwege bringt. Ich liebe es, zuzusehen, wie es Staubzucker auf den Schneeberg regnet, bevor er mit dem übrigen Teig zusammenkommt.
Ich stehe wieder auf dem Boden, meine Füße berühren die kühlen Steinfliesen. Weil ich so brav geholfen habe, darf ich den Kochlöffel ablecken. Erlaubtes Beerenmus schmeckt beinahe so gut wie das verbotene vorhin, es ist nur heißer. Ich verbrenne mir leicht die Zungenspitze, aber das ist nicht so schlimm, ich bin ja schon groß.
Ich atme tief ein und bin glücklich. Hier, an Großmutters Bein geschmiegt, den groben Stoff ihres Kleides an meiner Wange, Süße im Mund und von Liebe umgeben bin ich am schönsten Ort auf der ganzen Welt.
Als ich aufwache, noch im Halbschlaf, weiß ich mit Bestimmtheit, dass Großmutter heute Nacht gegangen ist.
Elisabeth Hassek-Eder ist Autorin und Absolventin des Lehrgangs für Ghostwriting
Foto: Foto Wilke

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