Winnie, die Traumfängerin
Kerstin Renner
Kerstin Renner
Es ist der 22. Dezember. Im ganzen Haus riecht es nach Vanillekipferln und Kerzenwachs, die Familie rennt mehr als genervt hin und her. Die Mutter sucht verzweifelt nach dem Geschenkpapier und räumt das ganze Kellerabteil einmal aus und wieder ein. Ohne Erfolg. Während der Vater schon seit dreißig Minuten damit beschäftigt ist, die Lichterkette zu entwirren, flucht er wie ein Rohrspatz. Die beiden Kinder Max und Lea streiten. Beinahe so wie noch nie zuvor. Wegen jeder Kleinigkeit. Hier nur eine der vielen Szenen vor dem Weihnachtsbaum.
„Die Kugel kommt hierhin!“, sagt Lea bestimmt und streckt sich nach einem Zweig weiter oben.
„Nein, viel besser passt sie hier unten!“, widerspricht Max, und seine Stimme klingt schärfer als sonst.
Sie halten beide an der glänzenden roten Kugel fest, die sie letztes Jahr von ihrer Großmutter bekommen haben. Einen Moment lang schauen sie sich in die Augen, dann beginnt ein Ziehen und Zerren.
„Du musst immer alles bestimmen!“, ruft Lea. Ihre Augen funkeln vor Wut.
„Weil du nie auf mich hörst!“, schreit Max zurück. Tränen mischen sich in seine Stimme.
Emotionen liegen in der Luft. Allerdings nicht diese positiven Gefühle, die typischerweise mit Weihnachten in Verbindung gebracht werden. Freude, Wärme und Liebe würde noch nicht einmal der geübteste Gefühlsdetektiv auffinden können.
Nur Winnie, die kleine schwarze Mischlingshündin mit den riesigen Ohren, liegt still in ihrem Körbchen. Anfangs ist sie noch kontrollierend und aufmerksam mitgelaufen mit ihren Menschen, doch es stresste sie zunehmend. Niemand hat gerade Zeit für sie. Also seufzt sie leise, rollt sich zusammen und schläft unter dem Weihnachtsbaum ein.
Dass sie recht rasch im Traumland angekommen ist, verraten ihre Pfoten. Diese bewegen sich nämlich, nahezu so, als ob sie gehen würde. Doch ihre Pfoten treten nur Luft, denn ihre großen Ohren werden plötzlich ganz leicht, flattern wie Flügel und tragen sie hoch hinauf in eine glitzernde Traumwelt. Dort hört sie Stimmen. Stimmen, die ihr bekannt sind. Von ihrer Familie, ihren Vertrauenspersonen. Nicht wie im Alltag, sondern ganz leise, tief aus den Herzen der Menschen.
„Ich wünschte, wir könnten heute einfach mal zusammen lachen.“ Die Mutter seufzt.
„Ich will doch nur, dass es gemütlich wird, nicht perfekt“, murmelt der Vater.
Und die Kinder flüstern: „Wenn Mama und Papa nicht so viel streiten würden, wäre Weihnachten viel schöner.“
Winnie ist verwundert. Sie kann die Stimmen anfangs auch gar nicht richtig einordnen. Den ganzen Tag hatte sie nur Hektik erlebt und laute Stimmen gehört. Hier im Traum allerdings, zeigt sich, was ihre Menschen wirklich wollen: Nähe, Ruhe und Freude. Genau das würde Winnie gefallen. Ihre Ergänzung wäre Leckerlis. Vielleicht sogar diese Würstchen, von denen sie vor zwei Tagen eine ganze Packung gestohlen hat. Die würden ihr jetzt gut schmecken. Der Hunger treibt sie wieder in die Realität.
Als sie aus ihrem Traum erwacht, glitzert der Baum über ihr. Der Vater hat es wohl geschafft, die Lichterkette endlich zu entwirren. Nach diesem kurzen Gedanken springt Winnie auf, stupst Mutter, bellt Vater an und läuft zu den Kindern. Schließlich legt sie sich mitten auf den Teppich im Wohnzimmer, direkt zwischen alle Beine und schaut ihre Hundemenschen mit großen Augen an. Dann dreht sie sich auf den Rücken, lässt ihre großen Ohren aufklappen und wackelt mit ihrem Schweif hin und her, fast wie eine Pendeluhr. Sogar die untere Zahnreihe ist zu sehen, da die Schwerkraft auch auf Lefzen wirkt. Der Anblick ist skurril und witzig zugleich.
Alle halten inne.
Erst lachen die Kinder. Dann lachen auch Mutter und Vater. Und plötzlich sitzen sie alle zusammen am Boden, ganz nah beieinander, mit Winnie in der Mitte.
Dieser kleine Hund mit den großen Ohren hat in ihrem Traum tatsächlich den wahren Weihnachtswunsch der Familie eingefangen und ihnen erfüllt. Ihr eigener wurde natürlich auch erfüllt, denn freudige Menschen füttern nun mal mehr Leckerlis.

23. Dezember – Ein weißer Traum