Wollige Weihnachten
Katharina Hladik
Katharina Hladik
Es ist schon seit ein paar Stunden dunkel am Hof des Huber-Bauers. Am Nachmittag gab es leichten Schneefall, der jetzt die Wiesen und Felder anzuckert. Auf einer Wiese stehen Rosalie und Elfie zusammen und diskutieren angeregt, als Gerda vorbeikommt und fragt: „Waaas ist denn los? Waaarum seid ihr so aufgeregt? Ist etwas paaaassiert?“ Rosalie dreht sich zu Gerda um. „Der Bauer hat heute Nachmittag ein paar von uns in den großen Transporter gescheucht, ist mit ihnen weggefaaaaahren und bisher sind sie nicht wieder zurückgekommen! Ich war vorhin bei den Schweinen drüben, und die meinten, das wäre ein gaaaaaanz schlechtes Zeichen. Wenn bei ihnen der Transporter kommt, dann kommen die Schweine nicht mehr zurück.“
Gerda beginnt, ganz nervös hin und her zu trippeln. „Oh nein! Ich hoffe es geht ihnen gut!“
„Sie haben auch den Wolfgang mitgenommen, unseren einzigen Bock“, fällt Elfie jetzt ein. „Waaaas sollen wir denn tun?“
„Ich glaube nicht, dass wir…“, setzt Rosalie gerade an, als die Aufmerksamkeit der drei Schafe sich auf die Auffahrt richtet, wo gerade der Transporter die Einfahrt herauffährt. Sie stürmen zum Zaun, um alles genau zu beobachten, und sehen, wie der Huber-Bauer aus dem Transporter aussteigt, nach hinten zur Laderampe geht und diese öffnet. Sogleich stürmen die Schafe, die sich im Inneren befunden hatten, laut blökend die Rampe herunter. Der Bauer öffnet ihnen das Tor zur Weide und die Schafe strömen herein zu Gerda, Elfie und Rosalie. Diese galoppieren sofort auf die Gruppe zu und bestürmen sie mit Fragen. „Geht es euch gut?“, fragt Rosalie. „Wo waaaaaaaart ihr?“, meckert Gerda. „Ihr müsst uns alles erzählen, hier am Hof paaaassiert ja sonst nichts Spaaaaaannendes!“, blökt Elfie, während sie um die Gruppe herumspringt.
„Jaaaaa, jaaaaa, lasst uns doch erst einmal in Ruhe ankommen“, krächzt Marianne, das älteste Schaf der Herde, und trabt gemächlich Richtung Futtertrog. Die drei Lämmchen Emma, Gerri und Melanie springen aufgeregt durch die Menge und überschlagen sich dabei fast beim Erzählen. Alle drei reden gleichzeitig und so schnell, dass niemand auch nur ein Wort verstehen kann. Der Rest der Herde beschließt, sie vorerst einmal zu ignorieren, bis sie sich etwas beruhigt haben.
Als alle Ankömmlinge sich am Futter- und Wassertrog gestärkt haben, machen sie es sich unter dem kleinen Dach, unter dem eine dicke Lage Stroh ausgelegt ist, gemütlich, und Marianne beginnt zu erzählen.
„Also, der Bauer hat uns heute Nachmittag in den Transporter gescheucht. Das war mir gar nicht recht, mir wird beim Autofahren immer so schleeeeeecht. Wir sind dann eine Weile gefahren, bis wir in der Stadt angekommen sind. Dort ist was los, das sag ich euch! Überall Autos und Menschen und Lääääärm, das war richtig anstrengend. Aber als er uns dann aus dem Transporter gelassen hat, hat er uns in eine kleine Umzäunung gescheucht, aber keine auf einem Bauernhof, sondern mitten in der Stadt! Und in der Mitte stand ein kleines Häuschen, in dem Menschen saßen, die komisch angezogen waren. Sie haben auch nicht geredet, sondern sind einfach nur die ganze Zeit ganz still dagesessen.“
„Und da waren auch ganz viele Menschen-Lämmer! Die haben auf uns gedeutet und gelacht und gejauchzt. Ein paar haben auch versucht, uns durch den Zaun zu streicheln“, ruft Emma dazwischen.
„Gaaaaaaaanz recht, Emma“, bestätigt ihr Marianne. „Überhaupt waren da ganz viele Menschen rund um den Zaun und haben uns eine Weile angeschaut und sind dann weitergegangen.“
„Und wie das gerochen haaaaaaaaat!“, sinniert Wolfgang der Bock mit einem Blick in die Ferne. „Ich habe sowas noch nie gerochen. Das muss aus den kleinen Papiertüten gekommen sein, die die Menschen in ihren Händen gehalten haben.“
„Mir hat ein Menschen-Lamm eine dieser Tüten hingehalten“, erzählt Gerri, „aber bevor ich mir was daraus schnappen konnte, hat dessen Mama ihm die Tüte weggenommen. ‚Schafe dürfen das nicht essen, davon bekommen sie Bauchschmerzen‘, hat sie gesagt. Ich konnte aber einen kurzen Blick darauf erhaschen und es sah aus wie komische Nüsse. Der Bauer gibt uns ja manchmal auch Nüsse in den Futtertrog, aber diese waren irgendwie dunkler und mit einer seltsamen Schicht überzogen und sie haben sooo gut gerochen!“
„Rund um unseren Zaun standen auch ganz viele kleine Holzhütten, fast so wie unsere hier, aber mit drei Wänden“, spricht Marianne weiter. „In der vierten Wand war immer ein großes Fenster, durch das man in die Hütte sehen konnte.“
„Das hat total geglitzert in manchen der Hütten“, wirft jetzt Melanie ganz aufgeregt ein. „Da sind Sterne in den Hütten an der Decke geschwebt, die sich im Wind gedreht haben. Die haben geglitzert und geglänzt und da waren auch kleine Kugeln in allen möglichen Farben.“
„Und in einer Hütte hatten sie etwas, was wie ein kleiner Mensch aussieht, aber es war aus Holz und man kann damit Waaaalnüsse öffnen“, spricht jetzt wieder Wolfgang. „Diese Menschen! Brauchen sogar fürs Nüsse öffnen Hilfe. Ich verstehe nicht, warum sie die nicht einfach aufbeißen können, so wie wir das immer tun?“, ist Wolfgang irritiert.
„Die Menschen haben auch Bäume in die Stadt gebracht!“, meldet sich jetzt Sasha, die bisher noch gar nichts gesagt hat. „Sie fahren in den Wald, schneiden dort Tannen ab und transportieren diese dann in die Stadt, um sie dort in ein Gehege zu pferchen.“
„Ja, und andere Menschen suchen sich dann einen davon aus und nehmen den mit“, überlegt Marianne. „Ich habe noch nicht ganz herausgefunden, was sie dann mit dem Baum machen. Vielleicht ist das auch eine leckere Spezialität bei den Menschen? Wir knabbern ja auch gerne an den Zweigen.“
„Nein, ich glaube nicht, dass die Menschen die Bäume essen“, meldet sich jetzt Wolfgang wieder zu Wort. „Ich bin einmal eine Runde in unserem Gehege gegangen und als ich hinter dem kleinen Häuschen stand, habe ich eine riiiiiieeesige Tanne gesehen, die ganz allein in der Mitte der Holzhütten stand und mit diesen Kugeln und Sternen behängt war, von denen Melanie vorhin gesprochen hat. Außerdem waren ganz viele Lichter auf allen Ästen des Baumes verteilt. Das hat gefunkelt, das glaubt ihr nicht!“
Die Schafherde hat an diesem Abend noch lange zusammengestanden und hat den Erzählungen über den aufregenden Tag gelauscht, bevor sie dann gemeinsam in den Stall gegangen sind und, ins Stroh gekuschelt, glücklich eingeschlafen sind.

22. Dezember – Winnie, die Traumfängerin