Der amerikanische Traum
Siegrun Luegmayer
Siegrun Luegmayer
Ich schreckte aus dem Schlaf hoch. Lautes Gelächter und polternde Geräusche drangen an mein Ohr. Mein verschlafenes Gehirn brauchte ein paar Sekunden, um sich zu orientieren … und dann fiel mir ein, dass heute der 24. Dezember war, Weihnachten, ein Ereignis, das ich immer mit viel Stress und Streitereien assoziierte, seit ich selbst Kinder hatte und sozusagen der Weihnachtsmanager in meiner Familie war.
Ich ließ mich missmutig wieder in meinen Polster sinken, bis mir plötzlich siedend heiß einfiel, dass ich mich ja diesmal auf ein besonderes Weihnachten vorbereiten musste: Die amerikanische Au-pair-Familie meiner Tochter würde heute Abend bei uns sein!
Kim hatte 2013 bis 2015 zwei Jahre bei den Barnetts in Falls Church, Virginia, gelebt und sich als Au-pair um deren Sohn James Wilson gekümmert. Ich war im Februar 2014 für zehn Tage und im November mit meinem Mann Leo noch einmal für eine Woche bei Kim zu Besuch gewesen und beide Male wohnten wir bei den Barnetts, die uns sehr herzlich aufnahmen und sich liebevoll um uns bemühten. Wir wussten, dass sich die Familie auf einer Europa-Rundreise befand und wir hatten ein Treffen für die Weihnachtsfeiertage vereinbart. Aber als vor ein paar Tagen Jennifer Barnett angerufen und ganz aufgeregt gefragt hatte, „ Hi dear, things have changed on our trip – is it okay that we’re coming to your house on the 24th of December?” …, hätte ich einfach nichts anderes tun können, als meinen Schock so gut wie möglich zu verbergen und freudestrahlend zu antworten: „That’s fantastic, Jen – we’re so excited to see you again and happy to spend Christmas with you!“ Amerikaner feiern Weihnachten nicht wie wir Europäer am Abend des 24. Dezember; in den USA bringt Santa Claus die Geschenke über Nacht und man öffnet sie am Morgen des 25. … im Pyjama. Daher kennen sie auch das bei uns traditionelle Weihnachtessen im Kreise der Familie nicht.
Diese Gedanken hatten sich in meinem Kopf überschlagen, als mir klar geworden war, dass ich mein komplett durchgeplantes Fisch-Weihnachtsessen – wofür ich alle Zutaten bereits eingekauft hatte – über den Haufen würde werfen müssen: „Unsere“ Amerikaner aßen weder Fisch noch Schweinefleisch; Jennifer mochte nur Huhn, während Vater und Sohn sich auf Rindfleisch beschränkten. Ich hatte also alles so weit wie möglich eingefroren und weggepackt und kurzerhand beschlossen, am Heiligen Abend Gulasch für neun Personen auf den Tisch zu bringen; samt einer Variante mit Hühnerfleisch für Jen.
All das ging mir durch den Kopf, als ich in meinem Bett verdrießlich den Geräuschen meiner Familie zuhörte. Übellaunig stand ich auf – ich konnte mich diesem Tag schließlich nicht ewig entziehen. Und als ob ich’s geahnt hätte … es wurde richtig, RICHTIG chaotisch!
Weihnachten bei uns war schon immer … sagen wir mal „anstrengend“. Seit ich nach dem Tod meines Vaters mit meiner Familie wieder im Haus meiner Eltern wohnte, hatte ich sozusagen das Zepter von meiner Mutter übernommen: Ich sorgte dafür, dass jeder das von ihm gewünschte Geschenk bekam, ich plante ein Menü, das auf jedermanns Vorlieben und Abneigungen Rücksicht nahm, ich schmückte den Christbaum, ich kochte, ich deckte den Tisch und ich räumte nach dem Essen das Schlachtfeld Küche wieder auf. Alle bemühten sich zwar jedes Jahr, mich zu unterstützen, das ist aber bei jemandem wie mir nicht so einfach – ich war immer schon eine Perfektionistin. Meist gab meine Familie einfach irgendwann entnervt auf und ich schoss wie ein Kugelblitz von einer Ecke des Hauses zur nächsten, während ich mich lauthals über Weihnachten beklagte.
Und genau so lief der Tag auch dieses Mal … nur dass der angekündigte Besuch zusätzlich wie ein Damoklesschwert über dem Fest hing. Wir standen uns gegenseitig im Weg und fielen fast über die eigenen Füße; wir stritten uns, während wir alle anfallenden Aufgaben so gut wie möglich zu erledigen versuchten … immer in dem Bewusstsein, dass wir heuer weniger Zeit für all das hätten, weil gegen 15 Uhr unsere amerikanischen Freunde vor der Tür stehen würden. Wir bekamen es hin – eigentlich bekam ICH es hin, aber egal: Als es an der Tür klingelte, stand der Baum schön in Rot-Weiß-Blau geschmückt da, wo er sollte; ein Berg von Päckchen lag darunter – ich hatte natürlich für unsere Gäste ebenfalls Kleinigkeiten besorgt –, der Tisch war perfekt gedeckt, und sowohl in meiner als auch der Küche meiner Mutter standen fast mehr Töpfe auf dem Herd als dieser Platten hatte.
Es war ein … denkwürdiger Tag. Schon allein die fast ständige Konversation auf Englisch erwies sich für Leo und meine Mutter als herausfordernd; ständig versuchte jemand, die anderen zu übertönen, um sich selbst verständlich zu machen. Meine Söhne bemühten sich vergeblich um den etwas introvertierten und fast schon verschreckten James Wilson und Leo konnte Vater James vielleicht etwas zu sehr vom österreichischen Bier begeistern … schon bevor wir uns zum Essen setzten, wirkten dessen Augen verdächtig glasig. Das missfiel wiederum seiner Frau, die sich sogar ihren eigenen alkoholfreien Wein mitgebracht hatte. Auch das Essen an sich war nicht frei von Pannen, denn Jen erklärte überraschend, gar kein Fleisch mehr zu essen, während ihr Sohn sich glatt weigerte, etwas zu sich zu nehmen, das er nicht kannte.
In manchen Momenten hatte ich das dringende Bedürfnis, laut schreiend davonzulaufen … was ich natürlich nicht tat und irgendwann war der Spuk Gott sei Dank vorbei. Mit großem Tamtam bedankten sich unsere Gäste, und Leo packte sie alle ins Auto, um sie ins nahe gelegene Hotel zu fahren – ich hatte mich schlichtweg geweigert, alle bei uns im Haus unterzubringen. Kaum waren alle weg, verschwanden auch meine Kinder und meine Mutter wie auf Kommando. Ich stand allein in meiner völlig chaotischen Küche, versuchte, kräftig durchzuatmen, und beschloss dann, erstmal den Tisch abzuräumen. Als ich das Esszimmer betrat, musste ich schlucken: Erst jetzt fielen mir die unzähligen riesigen Gulasch-Flecken auf dem guten, mit der Hand umhäkelten Tischtuch meiner Großmutter auf. Eines meiner geliebten Weingläser war am Stiel einfach abgebrochen. Und als ich dann noch die Fleischstücke auf dem Teppich unter dem Tisch sah, die wohl in der Hoffnung, der Hund würde sie fressen, dort deponiert worden waren, da war’s mit meiner Fassung schlagartig vorbei – ich brach in Tränen aus. Ich weinte eigentlich nicht, ich sank in mich zusammen und schluchzte wie seit meiner Kindheit nicht mehr. Ich schlug die Hände vors Gesicht und heulte so laut …
… dass ich aus dem Schlaf hochschreckte. Einen Moment lang wusste ich nicht, wo ich war. Und wieso war mein Gesicht nass? Dann dämmerte es meinem Bewusstsein langsam, dass ich im Bett lag und offenbar im Schlaf geweint hatte. Stück für Stück kamen die Erinnerungen an meinen Traum zurück und ich seufzte erleichtert auf: Gott sei Dank hatte ich nur geträumt! Es war nicht Weihnachten – das kam Ende der Woche, heute war erst Sonntag. Und unser Besuch aus Amerika hatte sich für den 6. Jänner angekündigt. Offenbar machte sich mein Unterbewusstsein jetzt schon Sorgen, ob alles glattgehen oder wie chaotisch es in diesem Jahr wieder werden würde. Gutgelaunt schwang ich die Beine aus dem Bett und marschierte im Pyjama in die Küche, um mir erstmal Kaffee zu machen und in aller Ruhe in den Tag zu starten.
Ich war gerade bei der zweiten Tasse – Leo war schon auf und ich schilderte ihm eben meinen Traum in allen Farben – als mein Handy klingelte. Ohne hinzusehen griff ich danach, hob ab und meldete mich. Eine Stimme sagte: „Hi dear, this is Jen and I’ve got some news!” …
Siegrun Luegmayer ist freiberufliche Werbetexterin & Lektorin sowie Teilnehmerin des Lehrganges für Ghostwriting.
Foto: Doris Schwarz-König

18. Dezember – Weihnachten mal anders