Schwester Frieda und das Weihnachtswunder
Gabriele Schweickhardt
Gabriele Schweickhardt
„Guten Morgen, Herr Konschak, wie geht’s Ihnen denn heute? Haben Sie gut geschlafen und vielleicht sogar etwas Schönes geträumt?“
Schwester Frieda machte ihren morgendlichen Rundgang auf ihrer Station im Seniorenheim, und der alte Herr begegnete ihr mit seinem Rollator auf dem Weg zum Frühstück.
„Ach, Schwester Frieda“, antwortete Herr Konschak, „eigentlich geht es mir recht gut, aber ich habe heute wieder geträumt, dass meine Tochter mich besuchen kommt, doch das wird wohl ewig ein Wunschtraum bleiben.“
Dem alten Herrn schossen Tränen in die Augen.
Schwester Frieda arbeitete erst seit Kurzem auf Station B, aber sie hatte gerade diesen Patienten sehr schnell ins Herz geschlossen und seine Bemerkung irritierte sie sehr.
„Hat sie Sie denn noch nie besucht, seit Sie hier sind? Wenn ich es richtig im Kopf habe, leben Sie ja schon seit vier Jahren bei uns.“
„Ja, das stimmt. Nein, sie war nie hier.“
„Darf ich fragen, warum? Wo lebt sie denn?“
„Meine Tochter lebt schon seit vielen Jahren in Kalifornien. Wissen Sie, sie war das letzte Mal in Wien, als meine Frau – also ihre Mutter – vor sieben Jahren gestorben ist. Da ist sie zum Begräbnis gekommen.“
„Aber Sie haben doch Kontakt zu ihr?“
„Nein. Wir hatten nach der Testamentseröffnung einen heftigen Streit, weil Susanne fest mit etwas gerechnet hatte, das meine Frau aber jemand anderem vererbt hat. Susanne ließ sich damals nicht davon abbringen, dass ich das hätte verhindern können und sollen, und fühlte sich ausgebootet und hintergangen. Dabei habe ich von der Entscheidung meiner Frau auch nichts gewusst. Das wollte Susanne mir aber partout nicht glauben. Sie hat nach dem Riesenkrach den Kontakt zu mir abgebrochen, und ich dachte damals, stur sein kann ich auch. So habe ich keine Versuche unternommen, alles wieder ins Lot zu bringen. Aber jetzt … Susanne weiß nicht einmal, dass ich mittlerweile längst im Seniorenheim lebe.“
Frieda spürte, wie sehr der alte Herr inzwischen unter der Situation litt. Immerhin war er vor einem Monat 88 Jahre alt geworden und seine Gesundheit war recht angeschlagen. Sein Herz wollte nicht mehr so richtig, und dazu litt er noch an Parkinson, wobei gerade seine rechte Hand so stark zitterte, dass er sogar Mühe hatte, etwas zu unterschreiben. Sie konnte ihm also nicht einmal raten, seiner Tochter einen Brief zu schreiben. Aber es gab eine andere Möglichkeit.
„Was ist, wenn wir vom Heim aus Ihrer Tochter einen Brief schreiben?“
Da rannen Herrn Konschak Tränen über die Wangen.
„Ich habe ihre Adresse vergessen.“
Ein heftiges Schluchzen schüttelte ihn. Frieda streichelte ihm über den Kopf und wartete, bis er sich wieder etwas beruhigt hatte.
„Kommen Sie, Herr Konschak, ich bringe Sie in den Frühstücksraum. Trinken Sie erst einmal Ihren Kaffee und frühstücken Sie, dann wird es Ihnen hoffentlich ein bisschen besser gehen.“
„Ja, danke, Schwester Frieda“, war die einsilbige Antwort.
In ihrer Mittagspause erzählte Frieda ihrer Kollegin Sonja von ihrem Patienten. Sonja riet ihr, in Herrn Konschaks Unterlagen nachzusehen, dort müsste ja eine Kontaktperson angegeben sein, über die sie vielleicht Adresse oder Telefonnummer der Tochter in Erfahrung bringen konnte.
„Natürlich! Dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin.“
„Ja, das Nächstliegende sieht man oft nicht“, meinte Sonja lächelnd und freute sich, ihrer Kollegin einen brauchbaren Tipp gegeben zu haben.
Frieda ging sofort ins Büro und wurde tatsächlich fündig. In Herrn Konschaks Akte stand als Kontaktperson eine Gertrude Melchior. Sie notierte sich die Telefonnummer, um so bald wie möglich anzurufen.
Doch nicht nur der erste Versuch schlug fehl. Nachdem Frieda es tagelang immer wieder erfolglos probiert hatte, wollte sie schon aufgeben. Aber sie wollte dem alten Herrn unbedingt helfen und wählte die Nummer doch noch einmal in der Hoffnung, dass das Schicksal oder der liebe Gott doch ein Einsehen mit dem betagten Vater hätte. Und tatsächlich: Nach fünfmaligem Läuten meldete sich eine Stimme: „Ja, bitte?“
„Grüß Gott, ich bin Schwester Frieda vom Seniorenheim ,Santa Teresa‘ und betreue Herrn Alfred Konschak. Spreche ich mit Frau Gertrude Melchior?“
„Ja, die bin ich. Ist etwas mit Herrn Konschak?“ Die Stimme von Frau Melchior klang besorgt.
„Nicht akut gesundheitlich. Der Grund für meinen Anruf ist ein anderer. Herr Konschak ist sehr, sehr traurig darüber, dass er keinen Kontakt zu seiner Tochter hat. Er hat mir auch erzählt, warum, und inzwischen tut es ihm sehr leid, dass er so stur war. In letzter Zeit träumt er oft, sie käme ihn besuchen, aber wenn er aufwacht und merkt, es war nur ein Traum, ist er immer sehr niedergeschlagen. Wissen Sie, ich arbeite zwar noch nicht sehr lange auf dieser Station, aber der alte Herr ist mir ans Herz gewachsen. Ich möchte ihm unglaublich gern helfen, mit seiner Tochter wieder in Kontakt zu kommen. Aber Herr Konschak weiß weder ihre Telefonnummer noch ihre Adresse, er hat wohl beides vergessen. Wissen Sie denn zufällig, wie sie zu erreichen wäre?“
„Spontan kann ich Ihnen das jetzt leider nicht sagen, aber ich müsste ihre Adresse wo haben, für den Fall, dass etwas mit ihrem Vater ist. Ich müsste aber erst nachsehen. Unter welcher Nummer kann ich Sie denn erreichen? Ich würde mich bei Ihnen melden.“
„Oh ja, sehr gern!“ Schwester Frieda war hörbar erleichtert und nannte Frau Melchior Hauptnummer und Stationsdurchwahl des Seniorenheims.
„Herzlichen Dank, dass Sie sich die Mühe machen, Frau Melchior.“
„Nichts zu danken, ich hoffe, ich kann Ihnen wirklich helfen. Auf Wiederhören.“
„Auf Wiederhören!“
Jetzt konnte Frieda nur noch hoffen, dass sie auf diesem Weg einen Schritt weiterkommen würde.
Ein paar Tage später kam der ersehnte Anruf.
„Also, Schwester Frieda, die Tochter heißt mit vollem Namen Susanne Blinckhardt. Ich kann Ihnen die Telefonnummer geben. Möchten Sie auch die Adresse?“
„Ja, bitte, sagen Sie mir beides durch.“
Frieda notierte alles und schickte innerlich ein Stoßgebet zum Himmel, dass die Nummer noch funktionieren würde. Falls nicht, wollte sie einen Brief schreiben.
„Vielen herzlichen Dank, Frau Melchior!“
„Ich halte Ihnen die Daumen, dass Sie Susanne kontaktieren können. Auf Wiederhören.“
„Auf Wiederhören, Frau Melchior.“
Sofort wählte Frieda die Nummer – es meldete sich ein Band auf Englisch, dass der Teilnehmer zurzeit nicht zu erreichen sei und man doch eine Nachricht hinterlassen möge. Kein Wunder, in Kalifornien war jetzt tiefe Nacht. Frieda hatte überhaupt nicht an den Zeitunterschied gedacht. Aber dass sie auf einen Anrufbeantworter sprechen konnte, war ja schon einmal ein gutes Zeichen.
Zwei Tage später rief Susanne Blickhardt tatsächlich zurück. Frieda fiel vor Erleichterung beinahe der Hörer aus der Hand. Sie erklärte Herrn Konschaks Tochter die Situation und erzählte ihr auch von dem Traum, den der alte Herr mittlerweile fast täglich hatte.
Susanne klang deutlich betroffen: „Oh nein, dass mein Vater in einem Seniorenheim lebt, wusste ich gar nicht.“ Und nach einer kurzen Pause meinte sie nachdenklich: „Ja, wir waren beide schreckliche Dickschädel. Ich habe es inzwischen auch schon sehr bereut, dass ich damals so reagiert habe, aber den ersten Schritt zu machen, habe ich auch nicht geschafft. Ich würde ihn natürlich auch sehr gern sehen.“
„Könnten Sie denn nach Wien kommen und Ihren Vater besuchen?“ In Frieda keimte ein weiteres Fünkchen Hoffnung auf.
„Ja, ich habe mir ohnedies für Weihnachten Urlaub genommen und noch nichts anderes geplant. Und bis dahin ist es ja nicht mehr lange.“
„Mein Gott, das wäre das schönste Weihnachtsgeschenk, das Sie Ihrem Vater machen könnten! Kann ich das als feste Zusage werten? Ich würde ihn nämlich dann doch gern schonend darauf vorbereiten, nicht dass er vor lauter Freude noch einen Herzinfarkt bekommt!“
„Ja, ich werde da sein. Und Ihnen herzlichen Dank, dass Sie sich so eine Mühe gemacht haben. Ich hoffe, wir lernen uns dann auch persönlich kennen.“
„Ich habe am 24. Dienst und freue mich auch schon, Sie kennenzulernen. Vielleicht telefonieren wir vorher noch, um Genaueres zu besprechen.“
„Ja, so machen wir das. Noch einmal danke und auf Wiederhören.“
„Auf Wiederhören und ebenfalls danke!“
Frieda fand die richtigen Worte, um Herrn Konschak vorsichtig auf den bevorstehenden Besuch seiner Tochter vorzubereiten.
Susanne rief am 23. im Seniorenheim an, um mit Frieda alles zu besprechen. Sie wollte einen kleinen geschmückten Christbaum für ihren Vater mitbringen, den sie in seinem Zimmer auf den Tisch stellen konnte. Außerdem bat sie Frieda, in der Küche zu fragen, ob Herr Konschak ein Stück gebackenen Karpfen mit Kartoffelsalat zum Nachtmahl bekommen könnte, wie er es von den Weihnachten mit seiner Frau her kannte.
Der Heilige Abend brach an, und Herr Konschak war nun doch so aufgeregt, dass er zum Frühstück kaum etwas essen konnte. Auch das Mittagessen ließ er fast unangetastet. Susanne hatte sich für 17 Uhr angekündigt. Sie kam etwas früher, um noch ein paar Worte mit Schwester Frieda zu wechseln. Die beiden Frauen waren einander auf Anhieb sympathisch.
„Liebe Frau Blinckhardt, seien Sie mir herzlich willkommen. Ihr Vater erwartet Sie schon sehnsüchtig. Er konnte es gar nicht fassen, als ich ihm erzählt habe, dass das Christkind seinen Traum wahr werden lassen würde.“
„Und ich danke Ihnen von Herzen, liebe Schwester Frieda, dass Sie dieses Wiedersehen ermöglicht haben. Ich habe jetzt erst gemerkt, wie sehr mein Vater mir doch die ganzen Jahre gefehlt hat.“
„Kommen Sie, ich bringe Sie zu ihm.“
Schwester Frieda klopfte bei Herrn Konschak an.
„Herr Konschak, Ihr Weihnachtsengerl ist da!“
Der alte Herr drehte sich zur Tür um, die sich langsam öffnete. Zuerst sah er einen kleinen Christbaum, da stiegen ihm schon Tränen in die Augen. Als dann seine Tochter in der Tür erschien, konnte er sich nicht mehr zurückhalten.
„Susi, mein Gott, Susi, dass du wirklich gekommen bist!“ Die Freudentränen rannen ihm über die Wangen.
Susanne stammelte nur: „Papa!“, und die beiden umarmten einander gefühlt minutenlang.
Frieda zog leise die Tür zu und ließ Vater und Tochter allein.
Für den alten Herrn war es eines der schönsten Weihnachtsfeste überhaupt. Er strahlte, als Susanne die Kerzen auf dem kleinen Baum anzündete, und als er dann noch seinen geliebten Karpfen mit Kartoffelsalat serviert bekam, war er vollends glücklich.
Es wurde ein langer und sehr harmonischer Abend, an dem die beiden sich auch endlich aussprechen konnten. Als Susanne sich von ihrem Vater verabschiedete, stand nichts mehr zwischen ihnen, und es war, als hätte es diesen schrecklichen Streit und die jahrelange Funkstille nie gegeben.
Nachdem Susanne das Seniorenheim verlassen hatte – nicht ohne noch einige Worte mit Frieda zu sprechen, die sehr glücklich darüber war, dass sich Vater und Tochter wieder versöhnt hatten –, ging Frieda noch einmal zu Herrn Konschak, der mit einem seligen Lächeln auf den Lippen auf den kleinen Christbaum schaute.
„Wissen Sie, Schwester Frieda, das Christkind hat heute meinen Traum wahr werden lassen und mir damit meinen größten Wunsch erfüllt, im Grunde den einzigen, den ich in meinem Leben noch hatte. Jetzt kann ich eigentlich beruhigt gehen.“
„Aber Herr Konschak, sagen Sie doch so was nicht. Ihre Tochter ist ja noch einige Tage da, und Sie wollen sicher noch mehr Zeit mit ihr verbringen.“
„Das soll der liebe Gott entscheiden!“
Und das tat er. Als Schwester Frieda am ersten Weihnachtsfeiertag zu dem alten Herrn ins Zimmer kam, sah sie ihn mit geschlossenen Augen im Bett liegen – mit einem so entspannten und friedvollen Gesichtsausdruck, dass sie sofort wusste, das Christkind hatte ihn in den Himmel mitgenommen.
Die Kugeln auf dem kleinen Christbaum funkelten vor sich hin, stille Zeugen dieses Weihnachtswunders, das einem alten Herrn den letzten Wunschtraum seines Lebens wahr gemacht hatte.
Gabriele Schweickhardt ist Autorin, Lektorin und Ghostwriter.

17. Dezember – Der amerikanische Traum