Die Christbaumkerzen
Gabriele Schweickhardt
Gabriele Schweickhardt
Nur noch zwei Tage bis Weihnachten, aber Claudia und Stefan konnten sich noch immer nicht über die Christbaumbeleuchtung einigen. Bisher hatten sie jedes Jahr echte Kerzen gehabt, und Stefan wollte sie auch diesmal unbedingt wieder, aber Claudia war heuer strikt dagegen.
„Nein, wir kaufen eine Lichterkette. Die ist für Monika deutlich weniger gefährlich.“ Die Kleine hatte vor Kurzem zu krabbeln begonnen, und die junge Mutter hatte Angst, das Kind könnte sich an einer Flamme verbrennen.
„Aber Claudia, wenn wir die Kerzen anzünden, sind wir doch dabei und nehmen Monika einfach auf den Arm. Da sieht sie den Baum auch besser und ich bin sicher, ihr würden flackernde Flammen viel besser gefallen als elektrische Kerzen.“
Doch Claudia rückte von ihrem Standpunkt nicht ab, sodass der Abend schließlich mit einem gar nicht vorweihnachtlichen Streit endete.
In dieser Nacht hatte Claudia einen seltsamen Traum. Sie sah vor sich einen verschneiten Platz in ihrer Kleinstadt, auf dem zwei Christbäume standen: ein modern geschmückter mit einer Lichterkette und ein traditionell gestalteter mit echten Kerzen. Da hörte sie, wie die beiden miteinander zu sprechen begannen.
„Na, Nachbar, willst du immer noch bei deinen Wachskerzen bleiben? Das ist doch überhaupt nicht mehr up to date. Schau dir mich und meine Lichterkette an. Ich verbreite eine poppige Atmosphäre und meine Lampen leuchten in verschiedenen Farben. Man kann sie auch so schalten, dass abwechselnd immer jede zweite brennt. Das Licht springt also hin und her. Ja, sie können sogar blinken! Ist das nicht toll?“
„Nein, das finde ich gar nicht. Weihnachten ist doch kein Jahrmarktsfest oder eine Disco, sondern es soll besinnlich und festlich sein. Deshalb liebe ich meine vielleicht etwas altmodisch anmutenden Kugeln und meine echten Kerzen. Sie verbreiten eine stimmungsvolle Atmosphäre.“
„Besinnlich und festlich, stimmungsvolle Atmosphäre“, äffte der erste Baum den anderen nach. „Mein Gott, in welcher Zeit lebst du denn? Weihnachten ist heutzutage ein Event, da muss man auch optisch ein bisserl Wirbel machen. Nix mehr mit Besinnlichkeit. Und dazu passt meine Lichterkette einfach viel besser. Außerdem hat sie den Vorteil, dass man sie den ganzen Tag brennen lassen kann.“
„Aber wozu soll das denn gut sein?“ Der traditionelle Baum war hörbar irritiert. „Die Kerzen werden am Abend zur Bescherung angezündet, sie sollen Licht in das Dunkel der Nacht und damit Hoffnung in die Herzen der Menschen bringen. Wenn sie den ganzen Tag brennen, geht dieser Sinn doch völlig verloren und dann achtet auch keiner mehr wirklich auf sie. Außerdem ist es gerade in der heutigen Zeit nicht gut, so viel Strom zu verbrauchen. Wachskerzen sind da deutlich nachhaltiger.“
„Ach was, nachhaltiger! Die Leute wollen feiern, da brauchen sie einmal einen Tag lang nicht an Nachhaltigkeit zu denken.“
„Und was ist mit den glänzenden Kinderaugen, wenn sie die flackernden Flammen sehen, die so lebendig wirken?“
„Was glaubst du, wie sie schauen, wenn die kleinen Lampen in unterschiedlichen Farben blinken? Da kommen deine langweiligen Kerzen nicht mit.“
Der Baum mit den Kerzen wollte aber nicht klein beigeben.
„Lass uns doch die Probe aufs Exempel machen. Es werden bald ein paar Kinder kommen, und wir warten einfach ihre Reaktion ab.“
Siegessicher stimmte der andere Baum zu.
Nach ein paar Minuten erschien eine Gruppe von Kindern unterschiedlichen Alters. Sie blieben vor den beiden Christbäumen stehen. Im selben Moment begannen die kleinen bunten Lampen wild zu blinken.
„Wow, der Baum ist ja geil!“, rief der achtjährige Robert aus. Doch die dreijährige Daniela erschrak so, dass sie zu weinen begann. Währenddessen ließ der andere Baum eine Kerze nach der anderen erstrahlen.
„Kinder, schaut doch einmal – der andere Baum hat richtige Christbaumkerzen. Ist das nicht schön?“ Die sechzehnjährige Verena, die die Gruppe betreute, war selbst begeistert.
Die kleine Daniela beruhigte sich und schaute interessiert zu, wie eine Kerze nach der anderen zu brennen begann.
„So einen ähnlichen Baum hat meine Oma auch immer“, meinte die siebenjährige Katharina. „Und sie hat so einen Stab mit einem kleinen Metallhut drauf, mit dem kann man dann die Kerzen auslöschen. Da muss man nur vorsichtig den Hut über die Kerze stülpen. Das habe ich voriges Jahr machen dürfen.“
„Meine Mama macht das immer mit zwei Fingern. Die leckt sie vorher ab, damit sie feucht sind und sie sich nicht verbrennt, und dann zerdrückt sie die Flammen“, erklärte der sechsjährige Fritz.
Dann waren alle still und standen andächtig vor dem Christbaum. Sogar Robert ließ sich von der weihnachtlichen Atmosphäre in den Bann ziehen. Alle Augen strahlten, und der moderne Baum mit seinem bunten Geblinke war vergessen.
In diesem Moment wachte Claudia auf. Der Traum machte sie sehr nachdenklich. Was, wenn ihre kleine Tochter so reagierte wie Daniela? Lange hatte sie nicht mehr Zeit zum Nachdenken, denn morgen war Heiliger Abend. Aber ihr Stolz verbot es ihr, Stefan so mir nichts, dir nichts nachzugeben.
Als ihr Mann zum Mittagessen nach Hause kam, drängte eine innere Stimme Claudia doch, ihm von ihrem Traum zu erzählen. Als sie geendet hatte, meinte er: „Und was bedeutet das jetzt für dich?“
Claudia tat sich generell schwer damit, Fehler einzugestehen. Aber diesmal dachte sie an ihre kleine Tochter und dass sie vielleicht von echten Kerzenflammen genauso fasziniert sein könnte wie das Mädchen in ihrem Traum.
„Na ja, ich könnte mir jetzt doch vorstellen, dass du recht hast. Lass uns auch heuer wieder normale Kerzen nehmen.“
Stefan konnte ein leichtes Triumphgefühl nicht unterdrücken, war aber klug genug, es seine Frau nicht merken zu lassen.
„Ich kaufe am Abend auf dem Heimweg noch welche.“
Mehr sagte er nicht dazu, und Claudia war ihm dankbar für seine Feinfühligkeit.
Als die jungen Eltern am 24. den Christbaum schmückten und nach und nach die Kerzen in den kleinen Halterungen an die Zweige klemmten, hörte Claudia eine innere Stimme:
„Du hast dich richtig entschieden. Du wirst sehen, wie begeistert Monika sein wird.“
„Hoffentlich“, dachte Claudia.
Der Abend kam, und Claudia war nun doch ein bisschen nervös wegen der Kerzen. Monika krabbelte munter durch die Küche – ins Wohnzimmer durfte sie nicht, weil ja das Christkind da war und die Bescherung vorbereitete.
Stefan hängte noch Wunderkerzen an einige Äste, dann zündete er die Kerzen an. Das Klingeln einer kleinen Glocke verkündete, dass alles für die Bescherung bereit sei. Claudia nahm ihre kleine Tochter auf den Arm und betrat mit ihr das Wohnzimmer.
Sie hatten diesmal eine deutlich größere Tanne gekauft als vor Monikas Geburt, und Claudia war jetzt begeistert von der wunderbar weihnachtlichen Stimmung, die der Baum mit den brennenden Kerzen verbreitete, zumal das Flackern der Flammen sich in den Christbaumkugeln spiegelte, die dadurch zu tanzen schienen.
Und Monika? Sie schaute gebannt auf die Kerzen und war ganz still. Jetzt zündete Stefan noch zwei Wunderkerzen an. Die Kleine klatschte vor Begeisterung in ihre Patschhändchen und stieß Laute aus, die zeigten, wie sehr sie sich freute. Gleich darauf streckte sie eine Hand in Richtung der wegspritzenden Sterne. Claudia stand aber mit ihr weit genug vom Baum weg, sodass nichts passieren konnte.
Stefan stellte sich neben seine Frau und sah sie mit einem Blick an, aus dem pure Weihnachtsfreude sprach.
„Hab ich dir nicht gleich gesagt, dass Monika begeistert sein wird?“
„Ja, du hattest recht, ich wäre zu vorsichtig gewesen und hätte damit dieses wunderbare Erlebnis mit unserer Kleinen verhindert. Zum Glück hat mich der Traum eines Besseren belehrt.“
Sie drückte Stefan einen zärtlichen Kuss auf die Wange.
„Komm, lass uns jetzt unser Weihnachtsessen genießen. Wir stellen den Kindersitz für Monika so, dass sie weiterhin auf die Kerzen schauen kann.“
Stefan schenkte ihnen beiden zuerst ein Glas Sekt ein.
„Auf schöne, gesegnete Weihnachten und darauf, dass wir diese wunderbaren Momente mit unserer Tochter hatten und haben.“
Als hätte Monika diese Worte verstanden, quietschte sie vor Vergnügen.
So wurde ein Traum zum Entscheidungshelfer: Nicht das moderne Blinken, sondern das stille Flackern brachte die Kinderaugen zum Leuchten und schuf die wahre weihnachtliche Atmosphäre für ein Fest, das die Eltern nie vergessen würden.
Gabriele Schweickhardt ist Autorin, Lektorin und Ghostwriterin.
Foto: Rossart

15. Dezember –Lebkuchen, Limoncello & Liebeskummer