Klimaanlage defekt
Lisa Keskin
Lisa Keskin
Sand. Mehr Sand, als man sich vorstellen kann. Er hat sich über die Städte gelegt. Über die Felder, Wiesen, Wälder. Über alles – das Gute wie das Schlechte. Bruno kneift die Augen zusammen und versucht, seinen Campingbus durch das gelbe Nichts zu steuern; leicht angespannt klammert er sich am Lenkrad fest. Neben ihm döst sein bester Freund und Geschäftspartner Asgard.
„Wo sind wir?“, fragt der gerade leicht verschlafen.
„Irgendwo im Nirgendwo. Glaube ich!“, murrt Bruno, während er sein Bestes tut, um das Auto auf der durch die Verwehungen quasi unsichtbaren Fahrbahn zu halten. Die Welt scheint leer zu sein und sie beide die einzigen Menschen darauf. Es ist völlig ruhig – die einzigen Geräusche, die zu hören sind, ist das Knirschen der Räder auf dem sandigen Untergrund und ein sanftes Heulen des Windes. Ein ganz leichter Duft nach Gebäck liegt in der Luft – wo der herkommt, fragt sich Bruno, denn es gibt weit und breit keine Spuren von Leben, geschweige denn von einer Konditorei.
Langsam schleicht sich der Mond über die Hügel, die letzten Spuren von Tageslicht verlieren sich schon bald im Dunkel der Nacht. Noch eine Stunde, denkt Bruno. Dann haben wir unser Ziel für heute erreicht!
Gedankenverloren sieht er zu, wie aus der Ferne ein Paar Lichter auf sie zusteuert, rasch näherkommt. Verdammt rasch! In kürzester Zeit hat das Gefährt sie erreicht und blockiert ihre Weiterfahrt. Bruno tritt mit einem deftigen Fluch auf die Bremsen, sodass der Campingbus schlitternd zum Stehen kommt.
„Was zum …?“ Weiter kommt er nicht, denn schon legt sich eine unsichtbare Hand über seinen Mund und seine Augen, und er wird in einen Wirbel von Farben gezogen, die ihn schwindelig machen. Der Duft nach süßem Gebäck ist nun stärker als zuvor und fast unwiderstehlich.
„Was zum …?“ Als Bruno wieder zu sich kommt, sitzt er auf einem watteähnlichen Kissen. Vor ihm ein bärtiger alter Typ in einem roten Trainingsanzug, der ihn an irgendjemanden erinnert.
Der Alte hebt den Finger zum Mund. „Geflucht wird hier nicht, lieber Freund. Und du musst dich nicht fürchten. Es ist alles gut – ich habe nur eine dringende Aufgabe für dich – eine, die nur du erledigen kannst!“
Bruno will wieder zum Sprechen anheben, aber der Alte wirft ihm einen unmissverständlichen Blick zu, der den Jüngeren aus irgendeinem Grund dazu bringt, sich zu fügen.
„Ich brauche deine Hilfe.“ Der Typ im Trainingsanzug deutet zu den mannshohen Bogenfenstern, die die Längsseite des Raumes schmücken. „Siehst du den Sand da draußen?“ Als Bruno nickt, fährt er fort: „Das sollte alles Schnee sein, aber die Klimaanlage funktioniert nicht richtig. Ich habe aus sicherer Quelle erfahren, dass du und dein Freund euch damit auskennt. Kannst du sie reparieren?“
„Dafür hättet ihr uns aber nicht entführen müssen“, murrt Bruno. „Wir haben eine Firma, die sich um solche Sachen kümmert, und man kann uns einfach anrufen!“
Der Alte lächelt nachsichtig. „Ach ja … und euer Anrufbeantworter sagt, dass ihr über die Feiertage nicht erreichbar seid. Leider ist es zu spät, bis ihr wieder aus den Ferien zurückkommt. Und die Notruf-Hotline … ach, was soll ich sagen. Du weißt aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn man sich stundenlang von A nach B und wieder zurück verbinden lassen und ab und zu eine Ziffer eintippen muss – und am Ende erst recht aus der Leitung geworfen oder mit einem Rückruf vertröstet wird! Das ist keine Lösung. Und schon gar nicht für Notfälle! Also, kannst und willst du uns helfen?“
„Was habt ihr mit Asgard gemacht?“, fragt Bruno, noch immer leicht alarmiert.
„Der ist auch gerade aufgewacht – mein Kollege kümmert sich um ihn“, erwidert der Alte, der Bruno noch immer auf eine seltsame Art bekannt vorkommt. „Also?“
Bruno nickt zögerlich. „Wenn wir schon mal da sind …“ Er rappelt sich auf und sieht sich genauer um. Hier ist alles irgendwie … Glitzer. Ein rot-grünes Farbschema ist unverkennbar, es duftet nach Zimt und Lebkuchen und eine leise Melodie liegt in der Luft. Alles sieht weihnachtlich aus – nur die Berge aus Sand, die sich draußen vor den großen Bogenfenstern auf dem Boden türmen, stören das Bild. Mittendrin stehen zwei hustende Rentiere. Er zieht fragend eine Braue hoch.
„Ja, Sven und Hildegard vertragen den Staub auch nicht so gut. Sie brauchen die klare, saubere Schneeluft, damit es ihnen gut geht. Und da sie in den nächsten Tagen sehr viel zu tun haben, ist es umso wichtiger, dass sie bald wieder fit sind!“
Bruno fasst einen Entschluss und krempelt die Ärmel hoch. „Wo ist denn die zickige Klimaanlage?“
Der Alte deutet mit dem Daumen über seine Schulter. „Gleich dort hinten … und ich glaube, dein Freund Asgard ist auch gerade dort angekommen! Ihr könnt euch also gleich an die Arbeit machen!“
Keine halbe Stunde später ist das Problem behoben, und voller Erstaunen sehen die beiden Freunde zu, wie sich die Sanddünen draußen langsam in Schneehaufen verwandeln, sich die ersten Einkristalle bilden und … „Schau Bruno, dort hinten stehen Rentiere! Mit einem Schlitten!“
Bruno lächelt. „Und sie haben endlich aufgehört zu husten! Aber warte mal … Rentiere? Schlitten? Das ist doch …!“
Gerade als der Groschen fällt, spürt Bruno einen starken Sog und findet sich in einem Wirbel von Glitzer wieder, der ihn schwindelig macht. Immer weiter strudelt er durch Zeit und Raum, bis er mit einem Plumps auf seinem Hintern landet.
„Autsch!“ Er reibt sich seinen Po, der unsanft auf dem Boden aufgeschlagen ist. „Wo bin ich?“
„Schatz, du bist gerade aus dem Bett gefallen! Was ist los mit dir?“
„Wo ist Asgard?“ Bruno sieht sich verständnislos um. „Und wo ist der alte Typ mit dem roten Trainingsanzug hingekommen?“
Seine Frau wirft ihm einen liebevollen Blick zu. „Sagst du jetzt zum Weihnachtsmann auch schon ‚Typ mit dem roten Trainingsanzug‘ wie unsere Neffen? Und Asgard sitzt hier neben dir!“ Sie nimmt Brunos Hand und führt sie zum weichen Fell des Blindenhundes, der sich schwanzwedelnd neben Bruno niedergelassen hat und ihm das verschlafene Gesicht ableckt.
Sie lächelt. „Aber weißt du, was das Schrägste ist? Ich habe gerade ein Päckchen für dich vor der Tür gefunden, auf dem steht: ‚Danke an Bruno für die Reparatur unserer Klimaanlage. Du hast Weihnachten gerettet ‘. Dabei hast du als Deutschlehrer doch keine Ahnung von der Technik!“
Lisa Keskin ist Buchcoach und Ghostwriter.
Foto: Rossart

14. Dezember – Die Christbaumkerzen