Sei vorsichtig, was du dir wünschst
Ursula Rathensteiner
Ursula Rathensteiner
„Ihr Swimming Pool!“ Ein sonnengebräunter Jüngling, der sich in diesem tropischen Ferienparadies sein Geld verdient, stellt ein hohes, leicht bauchiges Glas blau-weißer Gischt auf den kleinen Tisch neben meinem Liegestuhl.
„Danke.“
Der Junge im weißen Sommeroutfit, vielleicht knappe 20, nickt kurz und verschwindet wieder hinter der Poolbar. Mein Cocktail sieht eher nach wildem Meer und gar nicht wie der riesige Swimmingpool zehn Meter vor mir aus. Wenn man schon so relaxen kann, soll diese winzige Diskrepanz aber nicht die Laune verderben. Als Erstes stecke ich mir den blau-weiß gestreiften Dekoschirm in meine blonden Locken. Urlaubsfeeling pur. Dann mache ich mich über die aufgespießten Ananasstücke her. Herrlich fruchtig. Und zu guter Letzt der erste Schluck vom Swimming Pool. Einfach himmlisch! Tropisch, exotisch kitzelt der Cocktail meine Geschmacksnerven. So lässt es sich leben. Ganz entspannt. In der Sonne. Ohne Hektik und Trubel und Kälte. Vielleicht hätte ich mich ein wenig aus meiner Komfortzone bewegen sollen, was das Outfit betrifft. Ich betrachte meinen weißen Bikini mit den kleinen Flügelchen und Schneeflocken. Immerhin hat sich niemand beschwert, obwohl er ein wenig an Eis und Schnee erinnert. Egal. Der nächste Schluck vom Swimming Pool bringt ohnehin Entspannung. Mein zweiter Drink und es ist gerade mal Mittag. Ich lehne mich in meinen Liegestuhl zurück. Meine Gedanken wandern zum gestrigen Abend, mit dem diese wunderbare, besinnliche Zeit begonnen hat. Oder … war das schon vorgestern? Ist es gar länger her? Dank der Sommersonne, der köstlichen Cocktails und der entspannten Atmosphäre verschwimmen die Stunden und ich habe mein Zeitgefühl verloren.
„Ich habe Ihren Wunschzettel gelesen und bin so schnell wie möglich gekommen.“ Eine kleine Frau mit grün schimmerndem Tüllkleid war an besagtem Abend – gestern, vorgestern oder schon am Mittwoch? – in mein Arbeitszimmer getreten. Wie sie es an allen vorbeigeschafft hatte, war mir ein Rätsel. Vielleicht waren sie schon zu sehr in ihre Aufgaben vertieft, um die Unbekannte zu bemerken. Aber zuerst die anderen offenen Fragen.
„Wie bitte, wer sind Sie? Was machen Sie hier? Ich muss arbeiten!“
„Ganz ruhig, ich bin hier, weil ich Ihren Wunschzettel gelesen habe. Ist ja schon Feuer am Dach …“, erklärte die Frau, die ich noch nie im Leben gesehen hatte.
„Meinen Wunschzettel? Feuer am Dach? Wer sind Sie?“
„Ich weiß, die Situation ist ungewöhnlich. Normalerweise erfüllen Sie alle Wünsche aus den Briefen der Menschen. Aber seit ein paar Jahren wächst in Ihnen ein Wunsch“, sagte die zierliche Dame mit dem spitzen Hut und dem fröhlichen Gesicht.
Meine Miene verfinsterte sich merklich. Ich hatte keine Zeit für so etwas. Schließlich musste ich noch in der Spielzeughütte nach dem Rechten sehen. Der Abteilung Küchengeräte wollte ich ebenfalls einen Besuch abstatten. Und natürlich meinen Leuten beim Schmuck, bei den Büchern, bei den Socken und Krawatten, und, und, und. Frau Mayer braucht heuer keinen zweiten Handrührer und ein Kettchen mit Herzanhänger darf nicht in die Hände von Ex-Partnerinnen gelangen. Das wäre eine Katastrophe. Genauso ist eine Puppe kein passendes Präsent für Onkel Walter. Daher: Alle Adressaten und Geschenke müssen verknüpft und geprüft werden. Von mir. Und ich sollte endlich mit der letzten Kontrolle beginnen, bevor am Heiligen Abend die Lieferung erfolgt.
„Wenn Sie so wollen, bin ich dieses Jahr das Christkind für Sie. Kann es losgehen? Starten wir die Mission Wunscherfüllung?“ Die kleine Dame blickte mich erwartungsvoll an. Dabei fuchtelte sie mit einem grünen Zauberstab herum, aus dem Funken sprühten.
„Jetzt?“
Mein Christkind – wenn ich ihr glauben durfte – nickte.
„Ich muss doch jetzt noch …“
„Ich deute das als Ja“, sagte die mysteriöse Dame. Sie hatte mich nicht mal ausreden lassen und zeigte mit ihrem Zauberstab direkt auf mich. Die Funken vermehrten sich wundersam, bildeten einen glitzernden Nebel. Als mich dieser erfasste, wurde auf einmal alles hell. Und es war warm. So angenehm warm. Und weich. Ein Kingsize-Hotelbett. Die Sonne war gerade untergegangen, ein letztes Abendrot drang ins Zimmer.
„Genießen Sie Ihren Urlaub!“, hörte ich noch eine Stimme, bevor ich in einen erholsamen Schlaf fiel. Am nächsten Morgen drang ein Sommerhit an mein Ohr, von draußen. Als ich aus dem Fenster des Zimmers blickte, war da der riesige Swimmingpool umrahmt von Palmen. Fast hätte ich mir beim Umdrehen den Zeh an einem wolkenweißen Koffer gestoßen. Der stand neben dem Bett und war voll mit Badebekleidung, goldenen Flip-Flops und was man sonst so im Sommer braucht. Alles in meinem Stil. Der Urlaub konnte beginnen.
Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Sekt musste ich heute den hochprozentigen Swimming Pool und – wie schon gestern oder auch vorgestern? – den abkühlenden Swimmingpool probieren. Ja, hier bin ich nun. Schön langsam wird mir egal, wie und warum ich hergekommen bin. Nicht nur, weil ich den Alkohol etwas spüre. Es ist einfach herrlich, im Liegestuhl zu relaxen. Richtig friedlich, fast besinnlich. Sogar die musikalische Untermalung, die nicht gar so leise ist, verbreitet gute Laune und Urlaubsfeeling in Tönen. Die wenigen anderen Gäste sind ebenfalls mit Relaxen beschäftigt. Niemand will etwas von mir. Schon gestern nicht und heute auch nicht.
Nach dem Schwimmen ordere ich einen zweiten Swimming Pool. Schließlich schmeckt er himmlisch und man kann sich beim Schlürfen im Liegestuhl zurücklehnen. „Vamos a la playa“ beginnt gerade. Sollte ich zu den Sommerrhythmen tanzen? Lieber nicht, da könnte es mit der Entspannung schnell vorbei sein. So lasse ich mich von der Melodie einfangen, singe in Gedanken mit. Ebenso beim nächsten Song und beim übernächsten. Nach einer Weile habe ich genug von den Sommerhits und beschließe, mir mit Lesen die Zeit zu vertreiben. Ein Buch war nicht im Koffer dabei, ich bevorzuge ohnehin Aktuelleres.
„Gibt es vielleicht eine Zeitung für mich?“, frage ich den jungen Pool-Boy/Kellner.
„Ich kann gerne eine für Sie besorgen.“
„Danke.“
Ein paar Minuten Ruhe sind mir noch gegönnt, bevor eine Zeitung neben mir auf dem Tisch landet. Meine Augen wandern zum Titelblatt. „Chaos zu Weihnachten – Ist der Weltuntergang gekommen?“ steht in fetten Lettern über einem Bild von einem verwüsteten Wohnzimmer, in dem der Weihnachtsbaum zerstückelt am Boden liegt, unzählige glänzende Kugeln zerborsten daneben. Die Titelgeschichte. Ich lese von Geschwistern, die wegen vertauschter Geschenke handgreiflich wurden. Von Männern, die fast in Ohnmacht fielen, als sie bunte Vibratoren in ihren Geschenkboxen vorfanden. Von einem Kleinkind, das sich beim Auspacken mit dem Messerset, das für Tante A. gedacht war, verletzt hat. Von Socken in Schuhgröße 30, die im Paket eines Familienvaters mit riesigen Füßen waren. Von der exakt gleichen Kaffeemaschine, die Frau R. von ihrem Ehemann schon im Vorjahr geschenkt bekommen hatte. Von eingereichten Scheidungen, weil das Schmuckstück den falschen Namen eingraviert hatte. Von Feuerwerkskörpern, die in die Hände eines Pyromanen gelangten, obwohl sie sein besonnener Bruder hätte bekommen sollen. Von einer Drohne, die das Wohnzimmer einer Familie fast zerstört hätte, weil der kleine Bub „sein Spielzeug“ sofort ausprobieren wollte, und der Vater, der sie sich gewünscht hatte, den Einsatz drinnen nicht rechtzeitig verhindern konnte. Alles kleine und große Missgeschicke aufgrund von Weihnachtsgeschenken, die keiner letzten Kontrolle unterzogen worden waren.
„Nein!“ Ich kann den Entsetzensschrei nicht zurückhalten. Das ist alles meine Schuld. Das Fest ist zum Chaos geworden, sogar Menschen wurden verletzt. Und alles nur, weil ich mir einmal Entspannung zu Weihnachten gewünscht habe. Weil ich ein einziges Mal nicht für alles verantwortlich sein wollte, mich etwas erholen und mir Ruhe gönnen wollte. Ich, das Christkind.
„Verdammtes grünes Christkind!“, schreie ich in meinem weißen Bikini mit den Schneeflocken und Flügelchen und dem blau-weiß gestreiften Cocktailschirm im Haar. Er hat das Schwimmen auf wundersame Weise überlebt.
Ich reiße die Augen auf und brauche ein paar Sekunden, um mich zu orientieren. Mein Mann schnarcht neben mir. Er ist gestern etwas später von der Weihnachtsfeier heimgekommen, während ich mit Lena einen Filmabend gemacht habe. Der Schrecken aus dem Traum sitzt mir in den Gliedern, als ich versuche, langsam aufzustehen, um Thomas nicht zu wecken. Unter der Arbeitswoche stehen wir etwa zur gleichen Zeit auf, da darf er mal ausschlafen.
„Hrrrrmpf.“
Gut, er schläft noch. Ich gehe in die Küche. Dort bin ich eine Weile allein, denn mit unserer Dreizehnjährigen brauche ich am Wochenende nicht so früh rechnen.
„Guten Morgen, mein Schatz, gut geschlafen?“ Mein Mann reibt sich die Augen und schenkt sich dann Kaffee ein.
„Nicht wirklich. Ich hatte einen seltsamen Traum.“
Thomas reißt die Augen auf. „Los, erzähl!“
Er setzt sich zu mir an den Tisch und lauscht gebannt meinen Schilderungen. Er nickt ein paarmal und kann sich manchmal das Lachen nicht verkneifen. Als ich mit dem Chaos ende, das ich als Christkind – so hat es sich angefühlt, ich war ganz sicher das Christkind – durch „meinen“ Weihnachtswunsch verursacht habe, wandert seine Hand zu meiner. Sein Grinsen ist nicht mehr so unbeschwert.
„Schatz … darf ich ehrlich sein?“
Eine Antwort von mir wartet mein Ehemann gar nicht ab. „Es steckt viel Wahres in deinem Traum. Du bist ja irgendwie das Christkind für uns alle. Besorgst für unsere Tochter die besten Geschenke, hast immer etwas für deine Eltern und für meine vorbereitet. Ja sogar etwas, das ihnen gefällt. Das ist bei Papa wirklich nicht einfach. Fast unmöglich, würde ich sagen, ein gutes Tröpfchen zu finden, das seinen Weinkennergaumen nicht beleidigt. Für meine Mutter suchst du immer etwas Geschmackvolles aus. Sie ist heilfroh, dass sie von mir jetzt nicht mehr jedes Jahr irgendwelche lustigen Weihnachtssocken bekommt.“
„Hm. Das mache ich doch gerne. Und du kaufst ja auch Geschenke“, merke ich an.
Thomas streicht über meine Hand.
„Ja, die Pralinen für Mama. Vielleicht einmal einen Gutschein. Aber im Vergleich zu dir ist das doch nichts“, erklärt er.
„Das würde ich so nicht sagen.“
„Okay, du hast recht, es ist nicht nichts. Aber eben wenig. Du hast jedes Jahr die gesamte Verantwortung.“
„Aber es–“
„Ja, ich weiß, dass du gerne Menschen beschenkst, es dir Freude macht, etwas Feines auszusuchen. Trotzdem kann es manchmal viel werden, wenn du für alle Christkind spielst. Vielleicht können wir heuer mehr gemeinsam machen. Ich bemühe mich, ein gutes Christkind zu sein.“
Ich lache, denn mir kommt ein Bild von Thomas in weißen Unterhosen mit Flügeln und einem Heiligenschein in den Sinn.
„Wir holen jetzt beide unseren Kalender und machen uns einen Termin aus, an dem wir beide gemeinsam Christkind sind“, schlägt mein Mann vor.
Ich nicke. Es ist nicht so einfach, aber am Freitag am späten Nachmittag lässt es sich einrichten, dass wir gemeinsam Weihnachtsgeschenke besorgen. Ob Thomas so eine große Hilfe ist, wage ich zu bezweifeln. Aber ich bin nicht allein, muss nicht alles aussuchen und kontrollieren.
Ich grinse, denn vor meinem geistigen Auge sehe ich Thomas und mich im Partnerlook durch die Läden ziehen. Als Christkind, ich trage den Bikini mit den Schneeflocken und Flügelchen aus dem Traum und Thomas eine enganliegende Badehose mit dem gleichen Muster. Beide haben wir einen Heiligenschein.

13. Dezember – Klimaanlage defekt