Traum eines kleinen Mädchens
Sabrina C. Schulter
Sabrina C. Schulter
Mira ist sechs Jahre alt. Ihre beste Freundin Leni wohnt direkt gegenüber, und seit die beiden denken können, sind sie unzertrennlich. Schon als Kleinkinder krabbelten sie gemeinsam durch den Garten, bauten Höhlen unter den Sträuchern und erfanden Geschichten, die nur sie verstanden. Ihre Freundschaft ist warm, ehrlich und voller Fantasie.
Leni lebt in einem Haus, das immer nach frisch gebackenem Brot und Gewürzen riecht. Ihre Mutter liebt es zu backen – der Duft von Kümmel, Fenchel und Koriander liegt in der Luft –, und Mira atmet jedes Mal tief ein, wenn sie das Haus betritt. Es fühlt sich an wie ein kleines Abenteuer, jedes Mal, wenn sie dort ist. Manchmal darf Mira sogar bei Leni übernachten. Dann kuscheln die beiden Mädchen sich unter die Decke, flüstern sich Geheimnisse zu und lachen leise, damit die Erwachsenen sie nicht hören.
Jetzt gehen sie gemeinsam in die erste Klasse. Mira liebt die Schule – besonders das Lesen und Schreiben. Leni hingegen tut sich schwer, vor allem beim Rechnen. Mira bemerkt das sofort. Sie sieht, wie Leni die Stirn runzelt, wie ihre Augen traurig werden, wenn die Zahlen nicht aufgehen. Mira möchte ihr helfen, doch Lenis Vater besteht darauf, täglich mit ihr zu üben. Er sitzt streng am Tisch, während Leni versucht, die Aufgaben zu lösen. Mira spürt, dass Leni sich unter Druck gesetzt fühlt.
Nach dem Rechnen übt Leni Klavier. Ihre Eltern haben sie angemeldet, und sie bestehen darauf, dass sie täglich spielt. Doch Leni zeigt kaum Begeisterung. Ihre Finger gleiten unsicher über die Tasten, und manchmal fließen Tränen, wenn sie wieder nicht weiterkommt. Mira steht oft daneben, hört die Melodien, die nicht ganz stimmen – und trotzdem ist sie fasziniert. Sie träumt davon, selbst Klavier zu spielen. Die schwarzen und weißen Tasten wirken auf sie wie ein Zauber. Doch ihre Eltern haben nicht genug Geld für Musikunterricht. Der Traum bleibt – still und leise – in ihrem Herzen.
Die Jahre vergehen. Mira wächst, und ihr Wunsch bleibt bestehen. Immer wenn sie Musik hört, stellt sie sich vor, wie sie selbst spielt. Sie malt sich aus, wie ihre Finger über die Tasten tanzen, wie sie Melodien erschafft, die andere berühren.
Dann, eines Tages, Anfang Dezember, klopfen Lenis Eltern an die Tür. Es ist kalt draußen, die Fenster sind beschlagen, und Mira sitzt gerade mit einem Buch auf dem Sofa. Ihre Mutter öffnet, und Lenis Eltern treten ein. Sie lächeln und sagen: „Leni hat sich entschieden, mit dem Klavierspielen aufzuhören. Sie möchte lieber Sport machen. Die Gebühr für den Musikunterricht ist aber schon bezahlt – vielleicht hätte Mira Interesse?“
Mira hört das Gespräch und springt auf. Ihre Augen leuchten, ihr Herz klopft wild. Sie kann kaum glauben, was sie da hört. Ihre Mutter schaut sie an, und Mira nickt – energisch, voller Freude. Es ist ihr größter Wunsch, und jetzt, kurz vor Weihnachten, geht er endlich in Erfüllung.
Sie bekommt den Platz im Musikunterricht. Als sie das erste Mal am Klavier sitzt, spürt sie, wie sich etwas in ihr öffnet. Die Tasten sind kühl, aber vertraut. Der Klang ist weich, und Mira lächelt. Sie weiß: Jeder Wunsch kann wahr werden – manchmal dauert es nur ein bisschen länger.
Sabrina C. Schulter ist Teilnehmerin des Ghostwriter-Lehrgangs und Autorin

12. Dezember – Sei vorsichtig, was du dir wünschst