Ein Arzt ohne Träume
Sonja Warter
Sonja Warter
Hätte er bloß nicht in den Spiegel geschaut! Maximilian Haller wandte sich angewidert ab. Was ihm da entgegenblickte, konnte doch nicht er sein! Rote Augen, Tränensäcke bis zum Mund, aschfahler Teint. Dabei war er doch erst 49!
Wieder war es ein gefühlt nie enden wollender Nachtdienst gewesen. Ein Herzinfarkt, eine Nierenkolik und eine aufgeregte Patientin mit noch immer unklarer Diagnose waren eingeliefert und nach der Erstbehandlung in der Notaufnahme auf seine Station gebracht worden. Mehr als eine Stunde Schlaf hatte er wieder nicht bekommen. Obwohl er Oberarzt war und damit eigentlich nicht mehr für jede Patientin und jeden Neuzugang verantwortlich.
Die Bilanz seiner Mühen? Ein Todesfall und zwei zusätzliche Kurzzeitbewohner in seiner Abteilung.
Nachdem er den Papierkram erledigt und dem Tagdienst alles übergeben hatte, schlüpfte er rasch in seine Jeans und den Pullover. Duschen konnte er zu Hause. Im Gehen fiel sein Blick auf einen Adventkranz, der in einer Besucherecke auf einem kleinen Tisch thronte. Zwei Kerzen brannten bereits. Maximilian warf einen irritierten Blick darauf: War heute schon der zweite Advent? Also nur noch zwei Wochen bis Weihnachten?
Die Vorweihnachtszeit war spurlos an ihm vorübergegangen. Im Grunde war das aber egal, es gab ohnehin niemanden, der mit ihm Weihnachten verbringen würde. Seine Frau hatte ihn schon vor fünf Jahren verlassen, weil sie ihn ohnehin nie zu Gesicht bekommen hatte. Seine Teenagertochter wusste kaum noch, wie er aussah. Dabei war sie sein Ein und Alles gewesen, als er sie damals adoptiert hatte, nachdem er bei einem Einsatz mit „Ärzte ohne Grenzen“ in Angola ihr Leben, aber nicht das ihrer leiblichen Eltern hatte retten können. Vielleicht war es besser, dass sie ihn nicht mehr sah, denn als Adoptivvater hatte er kläglich versagt. Und so war das Mädchen nach der Trennung seiner Ex-Frau zugesprochen worden.
Na ja, ein paar Becher Glühwein mit seinen Kollegen nach einem Tagdienst würden sich zumindest ausgehen, sodass er wenigstens einen Hauch von Weihnachten mitbekommen konnte. Am 24. Dezember würde er wieder Dienst haben. Wie jedes Jahr seit der Scheidung. So musste er Weihnachten wenigstens nicht allein verbringen.
Auf dem Weg zum Ausgang begegnete ihm ein kleines Mädchen, Anna. Sie war die Enkelin eines seiner Patienten und etwa acht Jahre alt. Fröhlich strahlend kam sie auf ihn zu und rief:
„Guten Morgen!“
„Hallo Anna“, antwortete er, „was machst du denn um diese Uhrzeit schon hier?“
„Na, ich besuche meinen Opa. Es ist doch Sonntag und so kann ich den ganzen Tag mit ihm Memory spielen!“
Sie sah in forschend an. „Du siehst müde aus. Warst du die ganze Nacht im Krankenhaus?“
Er nickte.
„Hast du etwas Schönes geträumt?“
Maximilian stutzte. Geträumt? Wann hatte er das letzte Mal geträumt? Er konnte sich nicht daran erinnern.
Die Frage beschäftigte ihn noch, als er sich auf den Weg zur U-Bahn machte. Dass er sich nicht daran erinnern konnte, was er nachts geträumt hatte, war das eine. Aber wusste er überhaupt noch, welche Träume, Wünsche und Sehnsüchte er für sich und sein Leben hatte? So ganz generell? Als Mediziner mit Leib und Seele hatte er immer nur für seine Patienten und seine Karriere gelebt. Daher genoss er auch einen eindrucksvollen Ruf im Kollegenkreis und darüber hinaus. Doch sein eigenes Leben außerhalb des Krankenhauses war auf der Strecke geblieben. Früher hatte er von Reisen nach Australien geschwärmt, wollte in Finnland seiner Tochter den Weihnachtsmann vorstellen und mit seiner Frau eine romantische Zeit auf den Malediven verbringen. Doch was wünschte er sich jetzt? Er wusste es nicht.
Mit einem Schlag wurde ihm die Tragweite dieser Erkenntnis bewusst. Mit nicht einmal 50 hatte er den Sinn des Lebens und sich selbst verloren. Wenn er so weitermachte, würde er bald nicht einmal mehr seinen Patienten helfen können, so ausgebrannt wie er war.
Zuhause angekommen, fiel er in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Immer noch in diesem düsteren Gedankenkarussell gefangen, machte er sich am nächsten Tag wieder auf den Weg in die Klinik.
Kaum angekommen, bat ihn eine Pflegekraft, nach Herrn Moosbichler zu sehen. Der hätte in der Nacht Herzrhythmusstörungen gehabt. Trotz der offenbar harten Nacht hatte Herr Moosbichler, ein fülliger 85-Jähriger, seine gute Laune nicht verloren.
„Guten Morgen, Herr Doktor!“
„Grüß Sie, Herr Moosbichler! Ich höre, es geht Ihnen nicht so gut.“
„Alles halb so schlimm. Ich habe zwar schlecht geschlafen, aber umso schöner geträumt.“
Beinahe neidisch blickte Haller den Mann an.
„Was haben Sie denn geträumt?“
„Ich bin mit meiner Frau daheim im Wohnzimmer gesessen, wir haben ein Glas Wein getrunken und uns einen Film angesehen. Und dann hat sie gesagt, dass alles gut werden wird.“
Er lächelte versonnen.
Haller glaubte zwar nicht daran, dass alles gut werden würde – schließlich kannte er die Werte des Patienten –, aber das verschwieg er ihm.
Stattdessen sagte er: „Das ist aber schön, dass Ihre Frau Sie so unterstützt!“
Ein Schatten glitt über Herrn Moosbichlers Gesicht. „Meine Frau ist vor drei Jahren gestorben, aber in Gedanken ist sie immer bei mir.“
Maximilian schaute betreten zu Boden.
„Wissen Sie, im Traum bin ich mit meiner Frau sogar wieder auf den Christkindlmarkt gegangen, das hab ich seit Jahren nicht mehr geschafft!“
Schon strahlte er wieder. Erneut fühlte Haller dieses Engegefühl in der Brust, das ihm sagte, dass er gern hätte, was diesem schwerkranken Mann so viel Freude schenkte.
Rasch stellte er die Medikation um und verließ das Zimmer.
Das Traumtagebuch
Jetzt erst fiel ihm der Weihnachtsschmuck in den Gängen, im Aufenthaltsraum, in der Kantine – also eigentlich überall – so richtig auf. Wenn er sich konzentrierte, konnte er neben dem Geruch von Desinfektionsmitteln und Krankheit sogar ein zartes Lebkuchenaroma wahrnehmen. Er liebte Lebkuchen und beschloss, sich auf dem Heimweg welchen zu besorgen. Wenigstens ein kleiner Quell der Freude!
Kurz bevor er an diesem Tag das Spital verließ, kreuzte Anna wieder seinen Weg. Bewaffnet mit Schulrucksack und einer großen Dose.
„Na, schon wieder auf dem Weg zu deinem Opa?“
„Neeeeein, der wird doch heute operiert, da kann ich doch nicht zu ihm“, belehrte ihn das kleine Mädchen. „Ich wollte zu dir und den anderen, die hier arbeiten. Ich habe soooo viele Weihnachtskekse mitgebracht!“
Haller grinste. „Darf ich eins kosten?“
„Klar! Für dich habe ich übrigens noch was!“
Der Arzt machte große Augen. „Für mich?“
„Wir haben doch das letzte Mal über Träume gesprochen, weißt du noch?“
Er nickte.
„Ich habe dir ein Tagebuch mitgebracht, damit du aufschreiben kannst, was du träumst! Dann weißt du es nämlich später auch noch!“
Gerührt nahm Maximilian das Geschenk an, nicht ohne sich verstohlen noch ein Keks aus der Dose zu nehmen.
„Danke, das ist aber lieb von dir.“
Was haben die nur alle mit diesen Träumen? Er kannte die Antwort allerdings ganz genau.
Drei Tage später hatte er wieder Nachtdienst. Einen richtig zermürbenden. Drei Patient:innen starben und eine fiel in ein Koma, aus dem sie wohl nie wieder aufwachen würde. Um vier Uhr konnte er sich zum ersten Mal hinlegen. Vielleicht bekam er ja wenigstens zwei Stunden Schlaf.
Als er erwachte, war er kurz verwirrt. Wo war er? Ach ja, im Krankenhaus. Seltsam, ich weiß doch sonst immer, wo ich bin. Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Ein paar Minuten zuvor war er noch auf Tonga gewesen. Mit seiner Frau, also seiner jetzigen Ex-Frau. Damals waren sie bis über beide Ohren verliebt gewesen, konnten gar nicht genug voneinander bekommen, hatten Zukunftspläne geschmiedet.
Was für ein schöner Traum! Doch leider nur ein Traum.
Moment! Ich habe geträumt! Das erste Mal seit Jahren kann ich mich daran erinnern!
Schnell kramte er sein Traumtagebuch aus der Tasche und notierte sich alles. Als er in den Spiegel sah, erblickte er einen verräterischen Glanz in seinen Augen. Vielleicht war er doch noch nicht völlig abgestumpft?
Eine glückliche Leiche
Zwei Tage später: Herzalarm! Dr. Haller rannte ins Zimmer von Herrn Moosbichler. Alle Geräte bimmelten wild durcheinander. Eine Assistenzärztin reanimierte bereits.
Doch Maximilian wusste instinktiv, dass es zu spät war und Herr Moosbichler bereits wieder mit seiner geliebten Frau vereint. Er blickte dem alten Mann ins Gesicht. Auf diesem lag ein seliges Lächeln.
Er drehte sich zu einer Pflegerin um. „Sehen Sie dieses Lächeln? So möchte ich auch einmal sterben.“
„Er hat von seiner Frau geträumt und von seinen Enkeln“, berichtete die Pflegerin. „Das hat er mir noch vor einer Stunde erzählt. Sie haben zusammen Weihnachten gefeiert, die ganze Großfamilie inklusive des buddhistischen Schwiegersohns. Genauso, wie er es sich immer gewünscht hat, obwohl seine Frau den Schwiegersohn in Wirklichkeit gar nicht mehr kennengelernt hat. Dann ist er friedlich eingeschlafen.“
Ein paar Minuten später verabschiedete sich Maximilian von dem Toten, wie er es immer tat, und wünschte ihm eine gute Reise.
Am Gang wäre er fast mit Anna zusammengestoßen. Sie hüpfte aufgeregt von einem Bein auf das andere.
„Opa darf in drei Tagen nach Hause! Wir können doch noch zusammen Weihnachten feiern!“
„Das ist toll“, sagte er.
„Hast du deine Träume aufgeschrieben?“ Die Kleine schaute ihn streng an.
„Ja“, antwortete er. „Das war eine super Idee mit dem Traumtagebuch! Danke dir!“
Anna strahlte und flitzte in das Zimmer ihres Opas.
Maximilian träumte von nun an weiter jede Nacht beziehungsweise immer dann, wenn er schlief. Immer öfter erschien ihm auch seine Tochter, die mittlerweile 14 Jahre alt war. Er bekam Sehnsucht nach seiner Familie und nach seinen Freunden, die er alle seit Jahren nicht gesehen hatte. Langsam dämmerte es ihm: Arbeit war doch nicht alles!
23. Dezember
Am 23. Dezember hatte er dienstfrei. Rastlos ging er in seiner spärlich eingerichteten Wohnung auf und ab. Zum ersten Mal fiel ihm auf, dass er sich selbst mit seiner Wohnung keine Mühe gegeben hatte. Sie war funktional eingerichtet, aber nicht gemütlich. Er hatte weder Adventkranz noch Christbaum, von Weihnachtsdeko ganz zu schweigen.
So konnte das nicht bleiben! Drei Stunden später kam er beladen mit allerlei Weihnachtskram wieder nach Hause. Schon besser!
Doch die schwierigste Aufgabe stand ihm noch bevor. Er griff zum Telefon. Zuerst rief er Roland, seinen besten Freund aus Kindertagen, an und vereinbarte ein Treffen am 28. Dezember. Das war einfacher als gedacht! Erleichtert schenkte er sich ein Glas Rotwein ein. Und noch eines. Und …
Schließlich atmete er tief durch und wählte die Nummer seiner Ex-Frau. Er hatte sich genau zurechtgelegt, was er sagen wollte. Wollte sich entschuldigen, erklären, warum alles so gekommen war. Als sie das Gespräch annahm, hörte er sich sagen: „Ich vermisse dich. Möchtest du den ersten Weihnachtsfeiertag mit mir verbringen? Mit unserer Tochter?“ Es folgte eine ohrenbetäubende Stille. Dann: „Ich vermisse dich auch. Ich dachte schon, du rufst nie an.“ Kurz bevor er auflegte, hörte er sie im Hintergrund sagen: „Schatz, übermorgen fahren wir zu Papa.“
Maximilian schreckte hoch. In seiner überschäumenden Freude hatte er das Weinglas vom Couchtisch gestoßen, dessen Inhalt sich jetzt über den halben Parkettboden ergoss. Mist! Er rieb sich die Augen. Offenbar war er eingeschlafen. Er griff nach seinem Handy und checkte die ausgegangenen Anrufe. Mit Roland hatte er tatsächlich gesprochen. Alles andere war nur ein rotweinschwangerer Traum gewesen. Ein schöner Traum! Aber wer sagte, dass Träume nicht wahr werden könnten?

11. Dezember – Traum eines kleinen Mädchens