Yoga zu Weihnachten?
Sarah Ritt
Sarah Ritt
Zufriedenheit.
Bescheidenheit.
Gelassenheit.
Achtsamkeit.
„Da wären mir die vier Apokalyptischen Reiter noch lieber …“, murmelte sie vor sich hin, als sie auf die Worte starrte, die ihr von der Werbeanzeige für irgendeinen Yogakurs auf irgendeiner exotischen Insel entgegen strahlten. Weihnachten im Warmen verbringen und dabei noch an sich selbst arbeiten? Das klang wie der Traum vieler ihrer Freundinnen, kostete aber natürlich entsprechend viel Geld. Da wurden Preise verglichen, Kleinkredite aufgenommen, Überstunden gemacht, alles, um die angeblich schönste Zeit des Jahres nicht mit der eigenen Familie verbringen zu müssen, sondern den Tag unter der Anleitung irgendeines Gurus mit dem Sonnengruß zu beginnen.
Warum war sie eigentlich so zynisch? Das war sonst absolut nicht ihre Art, aber wenn es um Selbstoptimierung als Geschäftsmodell ging, dann schaltete sie ganz schnell ab. Als könnte man Ängste, Sorgen und Probleme durch solche Programme in den Griff kriegen. Wenn sie über Weihnachten wegfahren könnte, dann am liebsten in eine einsame Berghütte, ohne Menschen und ohne beim Heimkommen Geschichten erzählen zu müssen über ihr neues Ich und ihre innere Ruhe.
Niemand ist perfekt, das war ihr klar, aber manchmal hatte sie das Gefühl, sie dürfe nur etwas für sich tun, wenn es ruhig und achtsam war. Laut die Wand anschreien, um ihre Wut rauszulassen? Zu aggressiv. Die dreitägige Weihnachtsfeier mit den Schwiegereltern auf einen Tag runterkürzen? Zu egoistisch. Ihrem Sohn, den sie natürlich über alles liebt, nicht alles kaufen, was auf seiner Weihnachtswunschliste steht? Zu streng. Ihrem Mann zu sagen, er sollte sich zur Abwechslung mal um die Weihnachtskekse kümmern, weil sie wirklich keine Zeit dafür hatte? Nicht gelassen genug.
Wenn sie sich etwas wünschen könnte, nur eine Sache, dann wäre das nicht einmal unbedingt, Weihnachten allein zu verbringen. Ein bisschen runtergeschraubte Erwartungen, das würde ihr schon reichen. Aber das würde wohl ein unerfüllter Traum bleiben.

2. Dezember – Mias Traum