Oma Frieda bäckt Vanillekipferl

von Thomas Hennig

Es ist kalt draußen. Der Winter kommt. Es ist ja auch schon Dezember. Oma Frieda hat den Kamin angeheizt. Es läutet an der Tür. Viktoria, Friedas Enkelin, steht draußen. Sie kommt heute zum Backen vorbei. Viktoria ist zwar schon 15 Jahre alt, aber wie jedes Jahr besucht sie vor Weihnachten ihre Oma, um mit ihr gemeinsam zu backen. Vanillekipferl, ganz nach Omas Rezept, mit Walnüssen aus Omas Garten von dem uralten, riesigen Nussbaum, der bestimmt schon 100 Jahre alt ist. Der Teig ist gleich gemacht: drei Teile glattes Mehl, zwei Teile zimmerwarme Butter und ein Teil Walnüsse. Damit die Kipferl so richtig süß werden, kommt auch noch ein Teil Staubzucker mit hinein. In der kleinen Küche riecht es schon jetzt nach Weihnachten. Das liegt vermutlich an dem Adventkranz aus Tannenzweigen und Kerzen aus Bienenwachs. Viktoria und ihre Oma machen den Teig fertig. Anschließend kommt er für mindestens zwei Stunden in den Kühlschrank, sonst wird das nichts mit dem Kipferl formen.

Zwei Stunden vor Omas Kamin, in dem schon das Feuer prasselt. Mit Kakao, wie ihn Viktoria mag: mit viel Schokolade. Zwei Stunden mit Omas wunderbaren Abenteuergeschichten aus der Zeit, als sie noch jung war und viele Reisen unternommen hat. Oma Frieda sitzt in ihrem riesengroßen Ohrensessel. Früher saß Viktoria auf ihren Beinen und lauschte ganz gespannt. Heute ist sie schon viel zu groß dafür. Also hat sie es sich auf der alten Bank gleich neben dem Kamin und in einer von Omas flauschigen, selbstgestrickten Decken gemütlich gemacht. Es fühlt sich alles so angenehm warm an! Noch ein Stück Holz nachgelegt. Es knistert und knackt. Oma Frieda erzählt eines ihrer Abenteuer. Wie gebannt lauscht Viktoria. Der Kakao ist heiß und dampfend, und jeder Schluck schmeckt wie pure Schokolade. Die Zeit vergeht wie im Flug. Inzwischen ist es draußen schon dunkel geworden. Es ist ganz leise und …. es schneit. Es hat wirklich zu schneien begonnen!

Viktoria und ihre Oma gehen in die Küche, holen den Teig aus dem Kühlschrank und beginnen damit, Teigschlangen auszurollen. Daraus werden kleine Stücke geschnitten und Kipferl geformt. Schnell arbeiten heißt es jetzt, damit der Teig nicht zu warm wird. Die ersten Vanillekipferl sind schon im Rohr und werden bei 170 ‑ 180 Grad für 15 Minuten gebacken. Der Duft von Nüssen und Vanille erfüllt langsam das ganze Haus. Die noch warmen Kipferl werden gleich mit einer Mischung aus Staubzucker und Vanillezucker bestreut. Als auch die letzten Vanillekipferl aus dem Ofen geholt sind und gezuckert auf dem großen Teller mit den anderen liegen, sieht es so aus, als hätte es auch in der Küche geschneit. Draußen ist es jetzt noch kälter als vorher. Der Wind pfeift inzwischen um das Haus und wie jedes Jahr bleibt Viktoria über Nacht bei Oma Frieda. Mit vielen Geschichten vor dem Kamin, mit warmem Kakao und mit dem Duft von Weihnachten in der Nase, schläft sie ein und träumt von eigenen wunderbaren Abenteuern.

Thomas Hennig ist Autor, Ghostwriter und Unternehmensberater.
Wenn er nicht gerade Geschichten über seine Großmutter bzw. Mutter in Personalunion als Oma Frieda schreibt, nimmt er sich gern Themen aus Wirtschaft, Finanz, Politik und der Lebensbetrachtung aus unterschiedlichen Blickwinkeln an.

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Foto: Daniel Willinger | dwphoto.at